Soziale Medien als Vermittler: Blogs über Demenz_04

Bei Demenz werden die gewohnten Spielregeln der Kommunikation auf den Kopf gestellt. Ein Mann fängt plötzlich an, sich mit dem Nachrichtensprecher aus dem Fernseher zu unterhalten. Oder die demenzkranke Mutter, die ständig den Namen von ihrer Tochter verwechselt. Die Kenntnis von Kommunikationskonzepten aus der Forschung kann dabei helfen, besser zu verstehen, wie sich die gewohnten Spielregeln der Kommunikation bei Demenz verändern.

In der deutschen Pflegeliteratur gibt es zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema „Kommunikation bei Demenz“, aber nur wenige Veröffentlichungen stellen einen klaren Bezug zwischen Theorie und Praxis her. In unserer Serie „Blogs über Demenz“ werden wir uns heute genauer mit der Frage auseinandersetzen, welche grundlegenden Kommunikationsmodelle in der Forschung existieren, welche Blogs und Internetportale für das Verständnis besonders empfehlenswert sind, und inwieweit diese Modelle gerade auch im Umgang mit demenzerkrankten Personen hilfreich sind. Sie bekommen hier also einen kompakten und leicht verständlichen Überblick über Kommunikationsmodelle aus der Forschung geboten – mit dem Bezug zur Praxis. Wie verändert sich die Kommunikation bei Demenz? Was können wir als Pflegende unternehmen, wenn die gewohnten Spielregeln der Kommunikation nicht mehr richtig funktionieren?

Paul Watzlawick: Man kann nicht nicht kommunizieren

Stellen Sie sich einen älteren Menschen im Pflegeheim vor, der ans Bett gefesselt ist und mit dem kein Pflegender mehr spricht. Wenn überhaupt wird gelegentlich nur die Kleidung gewechselt, der Waschgang durchgeführt oder die Nahrung und Medikamente verabreicht. Alles andere geschieht beinahe ganz ohne Worte. Völlig anonym. Eine grausame Situation, oder?

Die Kommunikation dient u. a. dazu, Kontakt zu einem Menschen aufzunehmen, besser zu verstehen, welche Bedürfnisse und Wünsche vorhanden sind, aber auch welche Eigenheiten und Macken. Und selbst in dem vorangestellten grausamen Beispiel können wir nicht sagen, dass nicht kommuniziert wird. Die alte Frau, die von den Pflegekräften ans Bett gefesselt wurde, hat also im Grunde genommen nicht aufgehört zu kommunizieren – genauso wie die Pflegenden. Wir können somit nicht nicht kommunizieren, so wie es Paul Watzlawick in seinem berühmten Kommunikationstheorem formuliert.

Watzlawick geht also davon aus, dass alle Personen automatisch durch ihr Verhalten in eine kommunikative Beziehung zueinander treten. Durch das Verhalten der Pflegenden gegenüber der zu pflegenden Person wird nach Watzlawick zufolge auch im Akt des Schweigens oder Isolierens auf nonverbaler Ebene weiter kommuniziert. In unserem Beispiel mit wahrscheinlich fatalen Folgen. Die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren, hat nämlich Folgen – gerade in ihren extremeren Ausprägungen: sowohl in psychischer als auch in körperlicher Hinsicht.

Kommunikation bildet somit das Fundament für die Versorgung von pflegebedürftigen Menschen. Gute Kommunikation sorgt dafür, dass wir im Umgang mit demenzkranken Menschen lernen, wie wir unser Verhalten und unsere Erwartungen – gerade auch durch Fehler und deren Korrektur – auf die Person, die wir pflegen, und deren Veränderung anpassen können. Und Kommunikation sorgt im besten Falle außerdem dafür, dass wir ein Feingefühl für Unterscheidungen hinzugewinnen, die vorher noch nicht so elementar wichtig waren: Wenn beispielsweise die Worte verstummen, werden die Signale auf der mimischen und gestischen Ebene umso bedeutsamer.

Gregory Bateson: Die Doppelbindungstheorie

Stellen Sie sich ein Pflegeheim im Jahre 2030 vor. Bis zu diesem Zeitpunkt hat sich die desolate Situation in Deutschland in diesem Sektor stark zugespitzt – mit Ausnahme jener Personen, die über eine ausreichende Rente verfügen, um sich einen Platz in einem renommierten Pflegeheim zu sichern. Oder Personen, die sich auf ihre Familie oder einzelne Familienmitglieder verlassen können, was die Versorgung anbelangt.

In den meisten Pflegeheimen herrscht dagegen zu diesem Zeitpunkt eine ausgeprägte „Servicementalität“, die sich darin äußert, dass die Versorgung von Menschen mit Demenz nach außen hin „smart“ geworden ist. Gezielt werden Klienten Umgebungen zugeführt, die mit einem Mix von Medikamenten, Tagesstruktur und Animation unter Zuhilfenahme von zunehmend virtuellen Betreuungsformen größtmögliche Konfliktfreiheit zu garantieren scheinen: Beinahe überall herrscht eine oberflächliche und aufgesetzte Freundlichkeit. Demenz ist zwar nicht besiegt, präsentiert sich aber durch diese Maßnahmen entschärft und gemanagt, sozusagen „light and easy“. Dieses Szenario stammt von Christian-Müller Hergl. Hier erfahren Sie mehr dazu.

Der angloamerikanische Anthropologe, Biologe und Philosoph Gregory Bateson hat eine Kommunikationstheorie entwickelt – die sogenannte „Doppelbindungstheorie“ – mit der sich Widersprüche in der Kommunikation und Machtstrukturen aufdecken lassen. Die Kenntnis dieser Theorie kann gerade im Zusammenhang mit der Arbeit in professionellen Pflegeeinrichtungen sehr hilfreich sein, insbesondere dann, wenn offene Formen der Kommunikation eher unerwünscht sind, was das Management und die vorherrschende Führungskultur anbelangt.

Grundsätzlich geht Bateson in seiner Theorie davon aus, dass wir mehrschichtig kommunizieren. Diese Mehrschichtigkeit ist auch die Basis für den Kommunikationsquadranten von Friedemann Schulz von Thun, den ich im Anschluss an die Doppelbindungstheorie von Bateson vorstellen werde. Mehrschichtigkeit bedeutet, dass Kommunikation auf mehreren Ebenen greift. Wir unterscheiden beispielsweise zwischen Appell (Aufforderung), Information und der Beziehungsebene, wenn wir mit einer anderen Person kommunizieren und bestimmte Absichten dabei verfolgen. Wollen wir die Person zu einer Handlung auffordern? Eher informieren? Oder geht es darum, ein bestimmtes Gefühl zum Ausdruck zu bringen?

Nun stellt sich im Umgang mit demenzerkrankten Personen die Frage, was passiert, wenn diese Ebenen nicht mehr klar voneinander zu unterscheiden sind bzw. Widersprüche in der Kommunikation zum Vorschein kommen, die nicht immer eindeutig zu erfassen sind, weil damit zum Teil auch Machtstrukturen verschleiert werden sollen – etwa in größeren Organisationen.

Wir haben es also im Falle der Doppelbindungstheorie von Bateson mit widersprüchlicher Kommunikation auf verschiedenen Ebenen zu tun. Wenn beispielsweise im Umgang mit demenzerkrankten Menschen im Pflegeheim stets ein freundlicher Ton angeschlagen wird, weil das Management das so vorgibt, kann diese Ebene mit der Zeit im krassen Widerspruch zur eigentlichen emotionalen Befindlichkeit der Pflegekräfte stehen. Manchen Pflegekräften kann es dann zunehmend zuwider sein, sich mit den Problemen der Demenzkranken zu beschäftigen; ja mehr noch: Diese Personen empfinden möglicherweise immer häufiger Aggressionen gegenüber den zu Pflegenden, die sie auf der Oberfläche in ihrer vorgespielten Freundlichkeit rigoros überspielen.

Durch die Doppelbindungsstruktur – also durch den Widerspruch in der Kommunikation – bedingt durch die eine Ebene – der stets freundliche Ton, der im Widerspruch zu der unterschwelligen Aggression steht (die andere Ebene), wird das eigentliche Problem im Umgang mit der demenzerkrankten Person nicht verbessert, sondern immer weiter verstärkt. Hinzu kommt außerdem noch, dass demenzerkrankte Personen häufig besonders sensibel für die emotionale Ebene der Kommunikation sind. Den Rest können Sie sich an dieser Stelle selber ausmalen.

Der Lösungsansatz aus diesem Dilemma lautet kommunikativ, sich eben nicht als pflegende Person vor Problemen zu drücken, auch gelegentlich negative Gefühle zuzulassen, eine offene Kommunikation zu pflegen und die Klärung von Konflikten nicht erst dann anzustoßen, wenn der Zug schon abgefahren ist. Dies gilt übrigens ebenso für die Kultur der Kommunikation auf der Ebene des Managements. Auch hier sollte die Bereitschaft dazu bestehen – etwa in professionellen Pflegeeinrichtungen – offener mit Kommunikation zu verfahren. Denn nicht selten kommt es in der Praxis vor, dass diese Einsicht zwar auf der Seite der Mitarbeiter bereits besteht, von der Führung aber nicht wirklich vorgelebt wird.

Friedemann Schulz von Thun: Der Kommunikationsquadrant

Der Kommunikationsquadrant von dem Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun stellt in gewisser Weise eine Fortsetzung der Doppelbindungstheorie von Bateson dar. Auch hier geht es um die Unterscheidung von verschiedenen Ebenen, die an der Kommunikation beteiligt sind. Und auch hier können die einzelnen Ebenen im Widerspruch zueinander stehen.

Ein Beispiel dazu wäre folgende Situation: Zum Kommunikationsritual im Pflegeheim gehört es, dass Sie morgens die Bewohner grüßen. Auf die Frage einer Bewohnerin, nämlich wie es Ihnen heute Morgen geht, antworten Sie: „Gut geht es mir“. Dabei entspricht das nicht der Wahrheit. Bevor Sie nämlich im Pflegeheim angekommen sind, standen Sie über längere Zeit mit Ihrem Auto im Stau, was dazu beigetragen hat, dass Ihre Laune heute Morgen eigentlich nicht sonderlich gut ist. Die Bewohnerin hat das bemerkt und erwidert: „Den Eindruck habe ich eigentlich nicht“.

Auf den Kommunikationsquadranten von Schulz von Thun bezogen – der aus vier Teilen besteht (siehe oben angeführte Grafik) – bedeutet das, dass die Selbstaussage „Mir geht es gut“ nicht mit der emotionalen Ebene übereinstimmt. Ein anderes Beispiel dafür wäre die Frage: „Haben Sie bereits heute Morgen Ihre Medikamente zu sich genommen?“ Denn bei dem Kommunikationsquadranten geht es stets auch darum, wie eine einzelne kommunikative Aussage vom Empfänger wahrgenommen wird, was gelegentlich auch für Irritationen sorgen kann.

Sie könnten die Frage, ob Sie heute Morgen auch Ihre Medikamente eingenommen haben, nämlich auch anders auffassen, als es ursprünglich vom Sender angedacht war. Die Person, die Ihnen diese Frage stellte, wollte tatsächlich nur wissen, ob Sie Ihre Medikamente eingenommen haben (Sachebene). Während Sie die Aussage ganz anderes verstanden haben: Will die Person mir etwa unterstellen, dass ich unbedacht mit meinen Medikamenten umgehe?

Gerade auch im Umgang mit zu Pflegenden kann dieses Modell dabei helfen, die verschiedenen kommunikativen Ebenen besser voneinander zu unterscheiden und somit das Unterscheidungsvermögen innerhalb der Kommunikation zu schärfen: die Beobachtung.

Weiterführende Empfehlungen: Kommunikation bei Demenz

Wer sich weiter mit dem Phänomen der Kommunikation bei Demenz beschäftigen will, findet auf dem Alzheimer Blog der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e. V. zahlreiche Anregungen und erhellende Einsichten zu der Frage, was bei der Kommunikation mit demenzkranken Personen zu beachten ist. Themen der Beiträge sind u. a. „Die Puppe als Partner“, „In Verbindung bleiben bis zuletzt“ oder auch „Die Sprache verstehen“. Hier der Link dazu.

Ich habe außerdem einen Blog entdeckt, der ein PDF-Dokument zum Thema „Hilfen zur Kommunikation bei Demenz“ frei zur Verfügung stellt. Das Dokument stammt vom Kuratorium Deutsche Altershilfe. In diesem Dokument wird auch das „Türöffnungskonzept“ vorgestellt, das sechs Handlungsempfehlungen beinhaltet, u. a. „Sorge für kleine und wohnliche Organisationseinheiten und dafür, dass die Klienten feste Bezugspersonen unter den Mitarbeitern haben (Bezugspersonenpflege)“ und „Stelle die Person in den Mittelpunkt deines Tuns“. Hier der Link dazu.

Bekanntermaßen stellt gerade die Frühphase der Demenz eine echte Herausforderung dar – speziell für pflegende Angehörige, weil in dieser Phase in den meisten Fällen noch nicht ausreichend Erfahrungen im Umgang mit demenzkranken Personen bestehen, was zu zahlreiche Überraschungen und ebenso schnell zur Überforderung in der Pflege führen kann. Dies gilt auch für die Kommunikation. Auf dem Blog „Brücken zur Demenz“ ist ein Video verfügbar, in dem genauer beschrieben wird, was unter angemessener Kommunikation mit Demenzkranken in der Frühphase der Erkrankung zu verstehen ist. Hier der Link dazu.

Dabei stellt das Video den Auftakt zu einer Serie von insgesamt drei Video-Beiträgen dar. Während im ersten Teil das Frühstadium von Demenz auf der kommunikativen Ebene behandelt wird, stehen bei den darauf folgenden Videos die Stadien zwei und drei der Krankheit im Vordergrund: also die mittelschwere Demenz (Stadium 2) und die sehr schwere Demenz (Stadium 3). Hier der Link dazu.

Zu den drei Kommunikationsmodellen, die ich in diesem Beitrag vorgestellt habe, habe ich ebenfalls im Internet drei Video-Beiträge entdeckt, in denen die jeweiligen Modelle auf sehr kompakte und anschauliche Weise erklärt werden.

Paul Watzlawick: Man kann nicht nicht kommunizieren

Gregory Bateson: Die Doppelbindungstheorie

Friedemann Schulz von Thun: Der Kommunikationsquadrant

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

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