Schreien oder Rufen: Eine echte Herausforderung für Pflegende. Vortrag von Hans-Werner Urselmann

Der Schrei steht am Anfang der menschlichen Kommunikation. So ähnlich verhält es sich auch beim Schreien oder Rufen von demenzkranken Menschen. Der Mensch mit Demenz schreit, weil er ein Bedürfnis hat. Und er schreit, weil Schreien häufig seine einzig verbliebene verbale Ausdrucksmöglichkeit ist. Aber welche Strategien sind im Umgang mit schreienden und rufenden Menschen in der Pflege von Relevanz? Erfahren Sie mehr dazu im Vortrag von Dr. Hans-Werner Urselmann.

Am 30. Oktober 2012 hielt Dr. Hans-Werner Urselmann (Koordinierungs-, Kontakt- und Beratungsangebote für Menschen mit geistiger Behinderung, Oberberg – Nord) im Rahmen der Veranstaltung “Lebensqualität bei Demenz” an der Universität Witten/Herdecke einen Vortrag zum Thema “Umgang mit herausforderndem Verhalten. Schreien oder Rufen von Menschen mit Demenz”. In seinem Vortrag ging er zunächst auf den Aspekt des Schreiens und Rufens als herausforderndes Verhalten ein und auf die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten, die damit verbunden sind. Die Basis bildeten hierbei einige grundlegende Fragestellungen, die eng an die Dissertation von Urselmann anknüpfen:

  • Wie erleben Pflegende im Altenheim das herausfordernde Verhalten von Menschen mit Demenz in Form von Schreien und Rufen?
  • Wie intervenieren Pflegepersonen im Altenheim bei diesem herausfordernden Verhalten?
  • Welche Faktoren beeinflussen das Erleben und die Interventionsgestaltung der Pflegerpersonen?

Für Pflegende erfordert es u. a. ein hohes Maß an Fachkenntnis, Beobachtungsgabe und Kommunikationsfähigkeit, um die richtigen Strategien im Umgang mit schreienden und rufenden Menschen zu erkennen und anzuwenden. Ein Patentrezept gibt es dabei indes nicht. Wohl aber Interventionsempfehlungen.

Weiterlesen lohnt sich also in jedem Fall; erfahren Sie in den nächsten Passagen, wie vielfältig die Ausdrucksmöglichkeiten von Schreien und Rufen sind, wie sich diese bei Demenz bemerkbar machen, und welche Strategien im Umgang mit Schreien und Rufen existieren. Zum Schluss gibt es außerdem noch einen Link zu unserem Slideshare-Kanal: Dort können Sie sich die Präsentation von Herrn Urselmann in der Form eines Powerpoint-Dokuments frei runterladen!

Schreie und Rufe: nicht immer eindeutig

Haben Sie sich schon einmal Gedanken über die Ausdrucksvielfalt der Schreie und Rufe gemacht? Mit dem Schreien fängt quasi alles an. Dabei kommen im Laufe des menschlichen Entwicklungsprozesses viele Nuancen und Unterscheidungen hinzu, die zu Beginn noch keine große Rolle spielen: etwa der Schrei als Ausdruck von Macht.

Schließlich kommt es auch darauf an, wie laut ein Schrei ausfällt und wie lange dieser anhält, in welcher Situation er auftritt und so weiter. So gesehen kann ein Schrei nicht isoliert betrachtet werden. Schreien findet in einem räumlichen und gesellschaftlichen Rahmen statt sowie in einer sozialen Lebenswelt, in der Menschen auf andere Menschen reagieren.

Im Alltag vergessen wir diese Vielfalt häufig, weil Schreien in unserer Kultur eher negativ besetzt ist. Die Ausnahmen bilden der Schrei als Ausdruck der Freude oder des Schmerzes. Wenn der Tormann beim Elfmeter seine Angst überwindet und beim Schuss des Gegners den Ball hält, wird das Schreien des Tormanns als Ausdruck von Freude gewertet und selbstverständlich gesellschaftlich akzeptiert. Wir applaudieren!

Der kulturelle Regelfall verläuft bei uns allerdings meistens anders: Wir verstehen nicht, warum plötzlich jemand laut losbrüllt oder schreit. Derartige Gefühlsregungen sind unangenehm und stören. Die Reaktion darauf ist ersichtlich: Wir wollen uns dem Schreien entziehen oder es am liebsten so schnell wie möglich unterbinden. Ist es der Chef, der uns anschreit, bleibt uns häufig nichts anderes übrig, als die Contenance zu bewahren. Hier signalisiert der Schrei einen Ausdruck von Macht in der Statushierarchie.

Dabei ist der Schrei auch ein Ventil für unterdrückte Gefühle: Statt beispielsweise Ärger und Aggressionen unnötig anzustauen, kann es durchaus zuweilen Sinn machen, einfach mal in den Wald zu gehen und zu schreien – das wirkt enthemmend und befreiend!

Wenn sich die Bedeutung verschiebt: Schreien bei Demenz

Menschen mit Demenz können allerdings nicht einfach in den nächsten Wald rennen. Sie schreien anstelle davon das Pflegepersonal an, wenn ihnen etwas nicht passt. Die Frage ist nur: Warum schreien sie eigentlich? Und was passt ihnen gerade nicht? Was wollen Sie uns durch das Schreien signalisieren? Der Schrei als häufig letzte Ausdrucksmöglichkeit: Bleibt das Schreien ungehört oder die Person, die schreit, weitgehend isoliert, unbeobachtet und alleingelassen, kann sich das Schreien unter Umständen gar in seiner Frequenz drastisch erhöhen: eine Art von negativer Rückkoppelungsschleife macht sich breit.

Hinzu kommt, wie auch Urselmann in seinem Vortrag betont, dass das Entschlüsseln der Botschaft, die mit dem Schreien verbunden ist, der Interpretation bedarf. Diejenige Person, die pflegt, kann nicht objektiv einschätzen, woher das Schreien herrührt: Geht es um Vereinsamung, um Schmerz, um Reizüberflutung, ist es zu dunkel oder gar zu hell? Oder versucht der Demenzkranke andere Geräusche durch sein Schreien zu übertönen?

Neben der Person spielt zudem der Kontext eine entscheidende Rolle: Deshalb ist in der Pflegepraxis eine fehlerfreie Zuordnung eines Schrei- oder Rufanlasses alles andere als einfach, sagt Urselmann. Ebenso gibt es kein Patentrezept für eine passende Strategie in einer solchen Situation. Aber was gibt es dann? Mehr dazu im nächsten Abschnitt.

Strategien und Interventionen

Frau C. wird bereits seit einigen Jahren gepflegt. Sie leidet an Demenz. Ihr Zustand hat sich allerdings in letzter Zeit deutlich verschlimmert. Seit einigen Wochen schreit sie unentwegt, ohne dass Frau A., die sie pflegt, genau wüßte, woran das liegt. Frau A. schätzt Frau C. sehr, da sie immer so ein sympathischer und aufgeschlossener Mensch gewesen ist. Daher weiß sie auch zu unterscheiden: Das Schreien, das neuerdings immer häufiger auftritt, prägt nicht zwingend alle Faktoren, die das Verhältnis von Frau C. und Frau A. bestimmen.

Das Schreien ist nur ein Teil  einer solchen Art von Beziehung. Oder wie es Urselmann formuliert: “Schreien oder Rufen prägt nicht (immer) alles bestimmend und zwingend.” Darüber hinaus geht es innerhalb einer solchen Beziehung vor allem auch um Sympathie und Antipathie. Die Summe ist also auch hier immer mehr als die einzelnen Teile.

Aber welche Strategien kommen für Frau A. nun konkret im Umgang mit dem Schreien in Frage? Eine Frage, die sicherlich viele Pflegende in ähnlichen Situationen stellen, vor allem dann, wenn das Schreien einfach nicht mehr aufhören will.

In seinem Vortrag kommt Dr. Hans-Werner Urselmann auf einige Fallstudien zu sprechen, die auf einer ähnlichen Ausgangssituation basieren. Die Lösung ist eine Frage der Suche nach dem Schrei- und Rufgrund. Daneben basieren die Strategien, die in derartigen Situationen in Frage kommen, auf verschiedene Aspekte: Geht es eher um körper- oder um emotionsbezogene Aspekte? Oder ist gerade die medizinisch-medikamentöse Behandlung besonders wichtig?

Konkrete Strategien je nach Fall:

  • Den Körper spüren lassen
  • Musiktherapie
  • sich auf den Schreienden oder Rufenden bewusst einlassen wollen und können
  • Schreiendes oder rufendes Verhalten spiegeln
  • Atmosphäre herstellen
  • Gemeinschaft herstellen
  • Biographische Bezüge herstellen

Bei all diesen Strategien kommt es daneben stark aufs Ausprobieren und auf die Gemeinschaft an, auf die Pflegedienstleitung, die einzelnen Pflegekräfte, die Ärzte, die Angehörigen und die Therapeuten. Der Fokus sollte dabei auf den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen mit Demenz liegen, was in der Praxis alles andere als eine Selbstverständlichkeit darstellt.

Sie wollen weitere konkrete Fallstudien aus der Praxis studieren? Sie wollen außerdem weitere Interventionstrategien aufgezeigt bekommen? Dann dürfte die Präsentation von Dr. Hans-Werner Urselmann genau das Richtige für Sie sein! Hier der Link dazu

Sie möchten das Thema “Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Demenz” darüber hinaus noch weiter vertiefen? Dann weisen wir sie hiermit ausdrücklich auf das Buch Schreien und Rufen – Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Demenz” von Hans-Werner Urselmann hin, das zu Beginn des Jahres 2013 im Huber Verlag erschienen ist. Lesen lohnt sich!

Dr. Hans-Werner Urselmann (Kein Foto vorhanden) ist Pflegewissenschaftler und Mitarbeiter der Koordinierungs-, Kontakt- und Beratungsstelle für Menschen mit geistiger Behinderung im Oberbergischen Kreis. Kontakt: urselmann@kokobe-oberberg.de.

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,

    in einem Krankenhaus soll eine geriatrische Station gebaut werden. Gibt es Erkenntnisse, welche architektonischen Möglichkeiten bestehen, dem “Rufen” und “Schreien” entgegenzuwirken?
    mfg
    A. Fattroth

    • Wenn das Schreien und Rufen der Demenzkranken häufig deren letzte Ausdrucksmöglichkeit darstellt, sollten wir dann wirklich als Pflegende ein Interesse daran haben mit architektonischen Mitteln dieses zu unterbinden? Dürfen wir das wollen? Warum lassen wir nicht einfach die restlichen Patienten daran teilhaben, vielleicht ernten wir am Ende empathisches Verständnis für Demenzkranke – schließlich könnte jeder von uns in Kürze unmittelbar selbst betroffen sein – und ein bißchen mehr Respekt für überlastetes Pflegepersonal, kann auch nicht schaden in der Bevölkerung. Mfg retour

  2. Pingback: Selbstmanagement in der Pflege: Ein Überblick zur Orientierung | Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD)