Das kleine ABC der Emotionen: Glossar zum Interview mit Martina Piefke

Im Interview mit Prof. Dr. Martina Piefke (Lehrstuhl für Neurobiologie und Genetik des Verhaltens an der Universität Witten/Herdecke) zum Thema “Erkennen von Emotionen bei Demenz aus neurobiologischer Perspektive” werden einige Begriffe verwendet, die einer Erklärung bedürfen. Dabei handelt es sich vor allem um neuroanatomische Begriffe wie “Amygdala” oder “Hippokampus”. Diese Begriffe werden im folgenden Glossar näher erklärt.

Video-Interview mit Martina Piefke / Teil 1: Zum aktuellen Stand der Emotionsforschung

Behaviorismus ist eine psychologische Erklärung für Lernen, die sich auf Verhalten und Konditionierung gründet. Der Behaviorismus wurde Ende des 19. Jahrunderts begründet, wobei dessen bedeutendste Vertreter Pawlow und Skinner waren. Ein zentraler Aspekt der behavioristischen Lerntheorie ist das Reiz-Reaktions-Schema. Behavioristische Theorien lehnen sich erkenntnistheoretisch an die Naturwissenschaften an und akzeptieren nur Aussagen über beobachtbares Verhalten als wissenschaftlich. Daher geht es im Behaviorismus nicht um die innere Psyche des Menschen, um Denken und Kreativität, sondern um das Messen und Beobachten von Verhaltensänderungen, die durch Reize hervorgerufen werden. Ein Beispiel dafür ist etwa eine Glocke, die immer dann ertönt, wenn einem Hund Futter verabreicht wird. Nach längerer Zeit wird sich beim Hund auch dann beim Ertönen der Glocke ein Hungergefühl einstellen (erkennbar am Speichelfluss), wenn keine Mahlzeit verabreicht wird (siehe dazu auch: der Pawlosche Reflex).

Kognitivismus ist ein Teilgebiet bzw. eine Perspektive der Psychologie, die sich mit der Informationsverarbeitung und den “höheren” kognitiven Funktionen des Menschen beschäftigt, wobei sie im Gegensatz zum Behaviorismus menschliches Verhalten nicht durch Umweltbedingungen, sondern durch kognitive Prozesse erklärt. Der Kognitivismus beschreibt in seiner einfachsten Form innerpsychische Vorgänge als Kette von internalen Reizen und Reaktionen, ohne zu fordern, dass alle diese Vorgänge direkt beobachtbar sein müssen.

Neuronen sind Zellen des Nervensystems, die Informationen verarbeiten. Grundvoraussetzung für die Verarbeitung von Informationen ist dabei die Kommunikation über synaptische Signalübertragungen.

Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die erstmals in der Forschung von dem Italiener Giacomo Rizzolatti und seinen Mitarbeitern im Jahre 1992 bei Makaken beschrieben worden sind. Spiegelneuronen bilden im Gehirn des zuschauenden oder beteiligten Menschen nicht nur Handlungen nach, sondern auch Empfindungen und Gefühle. Daher werden Spiegelneuronen zuweilen auch als Simulations- oder Empathieneuronen bezeichnet.

Synapse Der Kontaktbereich, in dem ein Neuron Informationen auf eine andere Zelle überträgt.

Synaptische Übertragung Der Prozess, bei der an einer Synapse Informationen von einer Zelle auf eine andere übertragen werden.

Zelle Die Zelle ist die kleinste Einheit des Lebendigen. Alle Lebewesen sind aus Zellen aufgebaut. Zellen entstehen immer nur durch Teilung vorhandener Zellen. Jede Körperzelle enthält in ihrem Zellkern die gesamte Erbinformation des Organismus.

Video-Interview mit Martina Piefke / Teil 2: Die Spiegelneuronen – Warum Emotionen ansteckend sind

Stirnlappen (Frontallappen), Scheitellappen (Lobus parietalis), Schläfenlappen (Lobus temporalis), Hinterhauptslappen (Lobus occipitalis) Wissenschaftler teilen die menschliche Großhirnrinde ihrer Funktion nach in verschiedene Areale ein. Der Stirn- oder Frontallappen bildet den vorderen Teil des Gehirns. Er ist u. a. wichtig für das Treffen von Entscheidungen und das Planen und Reflektieren. Dahinter liegt der Scheitellappen (Lobus parietalis), der etwa für Orientierung im Raum zuständig ist. Die Seiten der Großhirnrinde werden dem Schläfenlappen (Lobus temporalis) zugeordnet. Dieser Bereich ist insbesondere für das Abrufen und Speichern von Daten und Fakten wichtig. Im hinteren Teil des Schädels ist schließlich der Hinterhauptslappen (Lobus occipitalis) angesiedelt, der das Sehzentrum beinhaltet.

Theory of Mind (Theorie des Bewusstseins) bezeichnet in der Psychologie und Kognitionswissenschaft die Fähigkeit, Annahmen über Bewusstseinsvorgänge bei sich und anderen Personen zu treffen. Es geht dabei prinzipiell um selektive Aufmerksamkeit bzw. um die Kompetenz, die Aufmerksamkeit auf entsprechende mentale Zustände zu lenken. Aber wie entwickeln wir überhaupt die Fähigkeit, uns in andere Personen mental hineinzuversetzen? Die Entwicklung der Theory of Mind ist ein wichtiger Baustein in der Psychologie von Kindern; in der Regel wird die Theory of Mind bei Kindern im Alter von vier bis fünf Jahren ausgebildet. Daher spielt in der Forschung vor allem die kognitive Entwicklungspsychologie eine größere Rolle. In diesem Forschungsfeld wird beispielsweise untersucht, welchen Einfluss Autismus auf die Theory of Mind ausübt.

Video-Interview mit Martina Piefke / Teil 3: Die Neuoranatomie der Emotionen

Amygdala bedeutet aus dem Altgriechischen heraus übersetzt “Mandel”. Die Amygdala ist ein Teil des limbischen Systems (siehe Eingangsgrafik zu Beginn dieses Glossars: Das limbische System). Die Amygdala ist wesentlich an der Entstehung von Angst beteiligt und ist außerdem wichtig bei der emotionalen Bewertung und Einschätzung von Gefahren. Eine Zerstörung beider Amygdalae führt zum Verlust von Furcht- und Aggressionsempfinden und somit zum Zusammenbruch von überlebenswichtigen Warnsignalen. Wie wir zudem aus der Forschung wissen, liegt eine kognitive Schädigung der Amygdala (neben der Schädigung des Hippokampus) bei der Demenzform Alzheimer vor.

Entorhinaler Kortex befindet sich im sog. medialen Temporallappen (bzw. Schläfenlappen; siehe dazu oben angeführte Grafik: Der Neocortex). Das Erkennen von Emotionen in den Gesichtern von anderen Personen funktioniert bei Patienten mit einer Alzheimer-Demenz häufig nicht mehr so gut (je nach Stadium). Das liegt nach jetzigem Stand der Wissenschaft an einer Störung im entorhinalen Kortex.

Limbische System ist von zentraler Bedeutung für die Verarbeitung von Emotionen. Wobei der Begriff recht unscharf ist, denn mit dem “limbischen System” sind unterschiedliche Gruppen von Strukturen angesprochen, die mit der Verarbeitung von Emotionen und mit Gedächtnisprozessen zusammenhängen. Wichtige Bestandteile des limbischen Systems sind u. a. der Hippokampus (siehe Eingangsgrafik zu Beginn dieses Glossars: Das limbische System) und Teile des Thalamus.

Hippokampus zählt zu den ältesten Strukturen des Gehirns und bedeutet aus dem Altgriechischen übersetzt “Seepferdchen” (siehe Eingangsgrafik zu Beginn dieses Glossars: Das limbische System). Im Hippokampus fließen Informationen verschiedener sensorischer Art zusammen. Der Hippokampus ist vor allem wichtig für die Verarbeitung von Gedächtnisinhalten; konkretisiert: für die Überführung von Gedächtnisinhalten aus dem Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis. Bei der Demenzform Alzheimer funktionieren Teile des Hippokampus nicht mehr richtig, was dazu führt, dass das Kurzzeitgedächtnis zunehmend versagt, während das Langzeitgedächtnis noch relativ lange in seinen Funktionen erhalten bleibt.

Neocortex oder auch präfrontaler Kortex ist der stammesgeschichtlich jüngste Teil der Großhirnrinde (siehe dazu oben angeführte Grafik: Der Neocortex). Er ist u. a. zuständig für die Planung von Handlungen, für Geschichts- und Zukunftsbewusstsein und für die Achtung ethischer Grundwerte. Mit dem Neocortex werden daher grundsätzlich “höhere” kognitive Leistungen wie Denken, Planen und Entscheidungsfindung assoziiert.

Video-Interview mit Martina Piefke / Teil 4: Demenz und Emotionen

Alzheimer ist die weit verbreiteste Form von Demenz, die u. a. mit dem zunehmenden Verlust des Gedächtnisses (vor allem dem Verlust des Kurzzeitgedächtnisses), Abnehmen der Reflexion- und Erkenntnisfähigkeit sowie fortschreitender Orientierungslosigkeit verbunden wird. In der Forschung werden rund 50 verschiedene Demenzformen unterschieden. Im Umgang mit Emotionen ist bei Alzheimer außerdem bemerkenswert, dass Emotionen bei Betroffenen im fortgeschrittenen Stadium nicht mehr richtig in den Gesichtern gelesen werden können. In der Pflege wird dieser Zustand zuweilen als “apathische Verhaltensweise” (Patienten mit trüben, verklärten Augen, emotionsloser Ausdruck) bezeichnet.

Frontotemporale Demenz gehört zu den selteneren Demenzformen. Im Gegensatz zu Alzheimer ist bei der frontotemporalen Demenz nicht direkt das Gedächtnis betroffen. Diese Demenzform wird häufig eher mit psychischen Störungen verwechselt, weil sich viele Betroffene “unsozial” und auffällig verhalten, während ihr Gedächtnis weitgehend erhalten bleibt. Das liegt auch daran, dass bei einer frontotemporalen Demenz die Spiegelneuronen nicht mehr richtig funktionieren. Die Fähigkeit, die Emotionen anderen Menschen zu erkennen und einzuordnen, versagt also immer mehr. Sie erinnern sich vielleicht: Spiegelneuronen bilden quasi die neurobiologische Entsprechung zu Empathie. Menschen, die von einer frontotemporalen Demenz betroffen sind, verlieren somit ihre Empathiefähigkeit.

Prosodie ist die Gesamtheit derjenigen lautlichen Eigenschaften der Sprache, die nicht an den Laut bzw. ans Phonem, sondern an umfassendere lautliche Einheiten gebunden sind, wie u. a. Wort- und Satzakzent, Tempo, Rhythmus und Pausen beim Sprechen.

Quellen:

  • Wikipedia. Die freie Enzyklopädie. Abrufbar unter folgender Quelle: http://de.wikipedia.org.
  • Glossar in: Bear, M. F. et al. (2009): Neurowissenschaften – ein grundlegendes Lehrbuch für Biologie, Medizin und Psychologie. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.
  • Lexikon online für Psychologie und Pädagokik. Abrufbar unter folgender Quelle: http://lexikon.stangl.eu/.
  • Paetsch, M. et al. (2011): Die Anatomie des Scharfsinns. In: GEOkompakt, Schwerpunkt Intelligenz, Begabung, Kreativität, Nr. 28, 2011, S. 30−45.
  • Seng, L. (2011): Theory of Mind  – ein Kinderspiel! Abrufbar unter folgender Quelle: http://dasgehirn.info/denken/im-kopf-der-anderen/theory-of-mind-2013-ein-kinderspiel.

Quellenangaben zu den Bildern:

http://www.alzheimer-forschung.de/images/user-images/alzheimer-krankheit/illustrationen/Anatomie_des_Gehirns_gross.jpg

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

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