Bahnbrechende Studien aus der Forschung: Die FINGER-Studie

In der FINGER-Studie wurden mehr als 1.200 Menschen im Alter zwischen 60 und 77 Jahren untersucht. Die Frage: Inwieweit ist es bei einer beginnenden Demenz möglich, den geistigen Abbauprozess aufgrund eines radikal veränderten Lebensstils um Jahre hinauszuzögern?

Kognitive Einschränkungen im höheren Lebensalter und Demenzen werden mit zunehmender Lebenserwartung immer häufiger. Bis dato gibt es jedoch kein Medikament, mit dessen Hilfe man eine Demenzform wie Alzheimer erfolgreich bekämpfen und überwinden könnte. Folglich geht es bei Interventionen eher um die Frage, inwieweit der kognitive Abbauprozess zeitlich hinausgezögert werden kann. Allerdings haben sich die meisten bisherigen nicht medikamentösen Vorbeugungsstudien nur mit einer Dimension des Problems befasst, etwa mit der Frage, wie eine ausgewogenere Ernährung im Alter dazu beitragen kann, den geistigen Abbau zu verlangsamen.

Die FINGER-Studie aus Finnland (Finnish Geriatric Intervention Study) ist die erste große Interventionsstudie aus dem Jahr 2015, die einen multidimensionalen Ansatz zur Prävention kognitiver Einschränkungen bei älteren Personen verfolgt. An der skandinavischen Studie nahmen 1.260 Probanden im Alter zwischen 60 und 77 Jahren teil, die bereits Anzeichen einer beginnenden Demenz aufwiesen. Die kognitiven Funktionen wurden zu Beginn der Studie sowie nach zwölf und 24 Monaten mit einer ausführlichen neuropsychologischen Testbatterie untersucht.

Die Studienteilnehmer wurden zufällig der Interventionsgruppe oder der Kontrollgruppe zugeteilt. Die Kontrollgruppe erhielt nur regelmäßige Anweisungen über eine gesunde Lebensweise, während die Interventionsgruppe dagegen auch umfassend von einem Ernährungswissenschaftler über eine gesunde Ernährung beraten wurde. Anschließend wurde das Thema durch Gruppengespräche vertieft. Darüber hinaus absolvierten die Probanden ein körperliches Fitnesstraining, das sie unter Anleitung einer Physiotherapeutin durchführten und das individuell auf ihre persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten war.

Drei entscheidende Faktoren

Bei der FINGER-Studie wurden insgesamt drei Faktoren untersucht:

  1. Eine ausgewogenere Ernährungsweise im Alter: Der tägliche Energiebedarf sollte zu 10 bis 20 Prozent aus Proteinen, 25 bis 35 Prozent aus Fett (davon weniger als 10 Prozent gesättigten Fettsäuren), 45 bis 50 Prozent aus Kohlenhydraten (davon weniger als 10 Prozent aus raffiniertem Zucker), weniger als 5 Gramm Salz pro Tag und weniger als 5 Prozent des täglichen Energiebedarfs mit Alkohol gedeckt werden. Falls notwendig wurden die Teilnehmer angewiesen ihr Gewicht um 5 bis 10 Prozent zu reduzieren. Um diese Ziele zu erreichen sollten die Probanden viel Obst und Gemüse, Vollkornprodukte, fettarme Milch- und Fleischprodukte, weniger als 50 Gramm Zucker pro Tag und statt Butter Margarine und Rapspöl zu sich nehmen und mindestens zweimal in der Woche Fisch essen.
  2. Körperliches Fitnesstraining: Das körperliche Training bestand zum einen aus einem individuell zugeschnittenen Programm zur Steigerung der Muskelkraft, das die Probanden ein bis drei Mal pro Woche absolvierten. Dazu kamen zwei bis fünfmal in der Woche Aerobic und Gymnastik und Übungen für ein besseres Gleichgewicht. Das Krafttraining beinhaltete Übungen zur Kräftigung der acht wichtigsten Muskelgruppen, wie unter anderem Kniebeuger und -strecker, Bauch- und Rückenmuskeln. Die Aerobic-Übungen wurden individuell an die Vorlieben der Probanden angepasst. Aerobic wurde jedoch auch in Gruppen angeboten. Das individuelle Krafttraining wurde an Messungen angepasst, die zu Beginn der Studie und eine, zwei, drei, sechs, neun, zwölf, 18 und 24 Monate nach Studienbeginn durchgeführt wurden.
  3. Kognitives Training: Das kognitive Training bestand aus Gruppen und Einzelsitzungen am Computer. Die zehn Gruppensitzungen wurden von Psychologen durchgeführt. Bei sechs dieser Sitzungen wurden altersbedingte Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit und des Gedächtnis besprochen und Strategien vorgestellt, wie man diese Probleme im Alltag besser meistern kann. Bei vier der Sitzungen wurde der individuelle Fortschritt der Studienteilnehmer bei ihrem computergestützten individuellen Training erfasst. Bei den individuellen Sitzungen wurde ein computergestütztes kognitives Training durchgeführt. Es bestand aus zwei Teilen, die jeweils sechs Monate dauerten. Jede Trainingseinheit umfasste 72 Einzelsitzungen, die von den Teilnehmers dreimal wöchentlich für 10 bis 15 Minuten absolviert wurden. Das Trainingsprogramm bestand aus einem von den Forschern selbst entwickelten Computerprogramm, das sich bereits in einer früheren, kleinen randomisierten Studie als wirksam erwiesen hatte. Es sollte die Exekutivfunktionen, das Arbeitsgedächtnis, das episodische Gedächtnis und die Verarbeitungsgeschwindigkeit verbessern. Darüber hinaus wurden durch die verschiedenen Gruppensitzungen soziale Aktivitäten gefördert.

Das Ergebnis der Studie

In die Studie wurden 1.260 Teilnehmer aufgenommen und über zwei Jahre beobachtet. Bei Studieneinschluss waren die Patienten im Schnitt 69 Jahre alt. 45 Prozent waren Frauen. Fast zwei Drittel der Patienten wiesen eine arterielle Hypertonie oder eine Hypercholesterinämie auf. Die mittlere Änderung in der ausgedehnten neuropsychologischen Testbatterie war nach zwei Jahren in der Interventionsgruppe signifikant besser als in der Kontrollgruppe.

Man darf also vermuten, dass eine multidimensionale Intervention mit gesunder Ernährung, regelmäßiger körperlicher Betätigung, kognitivem Training und der Behandlung von vaskulären Risikofaktoren entscheidend dazu beitragen kann, die kognitiven Funktionen bei einer Demenz länger zu erhalten und den geistigen Abbau dementsprechend um Jahre hinauszuzögern.

Allerdings sei gleichzeitig auch darauf verwiesen, dass die Studie noch nicht gänzlich abgeschlossen ist. Man darf also auf die geplante erneute Auswertung der Studie nach der Veröffentlichung von 2015 gespannt sein. Vielleicht ist das bis dato eigentlich erstaunliche Ergebnis, dass es in einer solchen Art von Studie, in einer Multi-Faktoren-Studie, überhaupt gut messbare und signifikante Unterschiede zwischen den beiden Studiengruppen gab (Kontrollgruppe/Interventionsgruppe).

In den nun folgenden Links finden Sie auch die Originalstudie auf Englisch. In dieser Studie und in den ergänzenden Quellen auf Deutsch können Sie noch genauer nachlesen, welche gut messbaren und signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Studiengruppen im Detail entdeckt worden sind. Lesen lohnt sich!

Weiterführende Links

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

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