Demenz macht Schule: Interview zum Projekt

Stellen Sie sich vor, Sie hätten den Auftrag, Schüler und Schülerinnen auf multimedialem Wege über Demenz aufzuklären. So geschehen beim Projekt “Demenz macht Schule”. Als journalistische Begleiterin übertrug Thora Meißner einzelne Vorträge, Fotos und Audioschnipsel in die Erzählform einer multimedialen Reportage. Erfahren Sie mehr über dieses spannende Projekt im Interview mit ihr.

Die freie Journalistin Thora Meißner aus Arnsberg sagt über sich, dass sie sich besonders gerne mit Reportagen und Porträts von Mensch zu Mensch beschäftigt. Dabei betrachtet sie es als besondere Herausforderung, diese Geschichten so anspruchsvoll, modern und lesenswert wie nur möglich darzubieten. Deshalb beschäftigt sie sich auch stark mit digitalen Erzählformaten ‒ etwa multimedialen Reportagen.

Mit dem Thema Demenz wurde sie das erste Mal konfrontiert, als sie eine Reportage über einen fast 95-jährigen Mann verfasste, der seit 15 Jahren seine an Alzheimer-Demenz erkrankte Ehefrau pflegt. Das Ergebnis: “Nur nicht Donnerstag, da spiele ich Schach!“. Das war für sie auch gleichzeitig der Anlass dazu, weitere Reportagen zum Thema Demenz zu verfassen und diese zukünftig auch in multimedialer Form umzusetzen.

Im Internet lesen wir einfach anders. Lange Artikel am Bildschirm strengen unsere Augen an und wir haben kaum Lust, diese bis zum Schluss zu lesen – geschweige denn zu verinnerlichen (…) Schauen wir uns jedoch eine multimediale Story an, haben wir Abwechslung im Spiel. Wir lesen kurze Texte geknüpft an Fotos, Videos und Töne – das Thema wird visualisiert.

Bei dem Projekt “Demenz macht Schule” hatte sie erneut die Gelegenheit dazu. Dieses Projekt wurde von dem Demenz-Servicezentrum Münsterland in Kooperation mit dem ESTA Bildungswerk und der Marienschule Lippstadt umgesetzt. Gemeinsam organisierten sie am 18. November 2015 den Aktionstag “DEMENZ macht Schule”, der Schüler und Schülerinnen auf praktischem Wege über die (Alzheimer-)Demenz aufklären sollte. Die Aufgabe von Thora Meißner bestand darin, dieses Projekt als Journalistin zu begleiten und dieses in der Form einer multimedialen Reportage mehr in die Öffentlichkeit zu transportieren.

Im Interview sprach Marcus Klug mit Thora Meißner über das Projekt “Demenz macht Schule”, die Idee, das Thema Demenz mehr auf multimediale Weise zu vermitteln, sowie den journalistischen Anspruch, bewegende Geschichten, die auch mit Tabus zusammenhängen können, möglichst modern mit digitalen Mitteln zu erzählen.

Getrübte Sicht – doch im Laufe des Vormittags lichtet sich die Sicht der Schüler/innen auf die (Alzheimer)-Demenz.

Frau Meißner, als freie Journalistin haben Sie zusammen mit dem Demenz-Servicezentrum Region Münsterland ein ganz besonderes Projekt realisiert. Unter dem Titel “Demenz macht Schule. Demenz (er)leben mit allen Sinnen” ging es darum, das Thema Demenz auf multimediale Weise für Schüler und Schülerinnen zu vermitteln. Wie kam es zu diesem Projekt? Und wie kann man sich die Inhalte dieses Projekts vorstellen?

Im Grunde handelte es sich um ein Projekt des Demenz-Servicezentrums Münsterland in Kooperation mit dem ESTA Bildungswerk und der Marienschule Lippstadt. Gemeinsam organisierten sie den Aktionstag “DEMENZ macht Schule”, der Schüler und Schülerinnen auf praktischem Wege über die (Alzheimer-)Demenz aufklären sollte. Mit einem lebendigen Vortrag, dem “Demenzparcours – Demenz erleben®” (Leihgabe des Demenz-Servicezentrums Bergisches Land) sowie drei intensiven Workshops sollten die jungen Menschen für das Thema sensibilisiert werden und Empathie gegenüber betroffenen Menschen und/oder Familien entwickeln. Um diese Aufklärung nicht nur “hinter den Schulmauern” zu halten, sondern auch nach außen zu tragen, wurde ich zur journalistischen Begleitung in multimedialer Form eingeladen. Die Inhalte meiner multimedialen Reportage “Demenz macht Schule – Demenz (er)leben mit allen Sinnen” ziehen den Betrachter (egal ob jung oder alt) direkt ins Geschehen und lassen ihn das Erlebte der Schüler und Schülerinnen miterleben.

Wie fühlt es sich an, gehandicapt durchs Leben zu ziehen? Diese Schülerin erhält einen kleinen Einblick.

Multimediales Storytelling – Geschichten neu erzählen

Zu diesem Projekt gibt es auch eine Internetseite (http://demenzservice-muensterland.pageflow.io/demenz-macht-schule#35580). Die Seite ist wie eine Art von begehbaren Themenparcours eingerichtet. Man liest einzelne Texte zu solchen Themen wie unter anderem “Was ist in unserer Gesellschaft wichtig?”, hört Vortragsschnipsel und kann sich auch weitere Fotos anschauen. Eben “Demenz (er)leben mit allen Sinnen”. Wie wurde das umgesetzt? Inwieweit wurden die Schüler dabei mit integriert? Stammen beispielsweise die Fotos und Videoausschnitte von den Schülern?

Nein. Die Schüler und Schülerinnen hatten genug damit zu tun, dem Vortrag zu folgen, den “Demenzparcours – Demenz (er)leben®” auszuprobieren und die praktischen Workshops zu besuchen. Während sie sich absolut dem Thema “Demenz” widmeten, war es meine Aufgabe, den gesamten Vormittag in Form von Fotos, Videos und Tönen festzuhalten. Im Anschluss daran musste sämtliches Material gesichtet, ausgewertet und weiterverarbeitet werden, bevor es dann in Form der multimedialen Reportage aufbereitet werden konnte – auch dies lag in meiner Hand.

Was mich außerdem interessieren würde: Wie lassen sich solche multimedialen Reportagen technisch umsetzen? Gibt es dafür ein bestimmtes Werkzeug, was Sie nutzen?

Ja. Für diese und auch andere multimedialen Reportagen habe ich “Pageflow” genutzt. Hierbei handelt es sich um ein Tool für multimediales Storytelling, mit dem sich Redaktionen und/oder Journalisten auf treffsichere und ansprechende Inhalte, statt auf Programmierungen und Co., konzentrieren können. Damit war es mir möglich, mich voll und ganz auf “den roten Faden” der Reportage einzuspielen und das vorhandene Material entsprechend zu verarbeiten – ohne selbst programmieren zu müssen. Das Tool ist vergleichbar mit einem CMS (“CMS” bedeutet “Content Management System”, zu Deutsch auch “Inhaltsverwaltung”; Anm. der Redaktion). Da ich schon seit Jahren mit WordPress arbeite und die modernen Darstellungsformen des Webs mag, habe ich auch schnell gelernt, wie ich Pageflow für “mein Storytelling” nutzen kann.

Als ich erstmals mit dem Thema “Demenz” konfrontiert wurde, wusste ich noch nicht, worauf ich mich einlasse (…) Nämlich mit einer gewissen sozialen Isolation. Mit Unverständnis in der Gesellschaft. Und mit Ängsten und Wünschen. Das gab mir den Reiz, das Thema mehr und insbesondere “auf modernem Terrain” in die Öffentlichkeit zu rücken.

Sie selbst haben auch andere multimediale Reportagen zum Schwerpunkt Demenz realisiert. Was fasziniert Sie so an diesem Erzählformat?

Die Präsenz! Im Internet lesen wir einfach anders. Lange Artikel am Bildschirm strengen unsere Augen an und wir haben kaum Lust, diese bis zum Schluss zu lesen – geschweige denn zu verinnerlichen. Teilweise “scannen” wir die Infos auch nur und picken uns das Wichtigste heraus. Dadurch können nicht unbedingt weniger interessante Infos schon einmal untergehen. Schauen wir uns jedoch eine multimediale Story an, haben wir Abwechslung im Spiel. Wir lesen kurze Texte geknüpft an Fotos, Videos und Töne – das Thema wird visualisiert. Und selbst da können wir noch zwischen Kapiteln hin und her zappen und uns das ein oder andere noch einmal ansehen, ohne lange scrollen zu müssen. Auf diese Art und Weise des Storytellings hoffe ich darauf, dass das Thema “Demenz” mehr in die Öffentlichkeit rückt und auch von denjenigen Personen wahrgenommen wird, die sich durch lange Textwüsten und Fachpublikationen bisher eher abschrecken ließen.

Erinnerungen sind wichtig. Das lernen die Jugendlichen in einem der Workshops. Ab sofort werden sie „Lebensschnipsel“ sammeln, um sich im Alter besser erinnern zu können.

Wie kamen Sie dazu, sich mehrfach mit dem Thema Demenz zu beschäftigen? Was finden Sie gerade an diesem Thema so spannend?

Als ich erstmals mit dem Thema “Demenz” konfrontiert wurde, wusste ich noch nicht, worauf ich mich einlasse. Es begann mit der Fachstelle Zukunft/Alter der Stadt Arnsberg, die mich fragte, ob ich Interesse daran hätte, eine Reportage über einen fast 95-jährigen Mann zu schreiben, der seit 15 Jahren seine an Alzheimer-Demenz erkrankte Ehefrau pflegt. Das Ergebnis: “Nur nicht Donnerstag, da spiele ich Schach!”. Als ich dieses Paar kennenlernte und seine Geschichte erfuhr, stellte ich fest, dass die Betroffenen mit viel mehr als “nur” den geistigen und körperlichen Veränderungen zu kämpfen haben. Nämlich mit einer gewissen sozialen Isolation. Mit Unverständnis in der Gesellschaft. Und mit Ängsten und Wünschen. Das gab mir den Reiz, das Thema mehr und insbesondere “auf modernem Terrain” in die Öffentlichkeit zu rücken. Tabus zu brechen, offen über das Thema zu sprechen und Menschen wachzurütteln. “Nur nicht Donnerstag, da spiele ich Schach!” wurde mittlerweile von vielen fachlichen Webseiten empfohlen. Als dann eine japanische Delegation nach Arnsberg kam, habe ich meine Chance genutzt und den dreitägigen Besuch für die Fachstelle Zukunft/Alter in einer multimedialen Reportage festgehalten. Das war mein erstes “multimediales Storytelling”.

Sie selbst sind freie Journalistin und beschäftigen sich neben den klassischen journalistischen Formaten auch stark mit moderneren Formen wie Multimediale Reportagen und Blogging. Worin sehen Sie die Vorzüge solcher digitalen Formate?

Der Journalismus verlagert sich meiner Meinung nach immer mehr ins World Wide Web. Das ist auch lokal erkennbar. Tageszeitungen, Anzeigenblätter und Magazine begeben sich parallel zur Printausgabe immer mehr ins Internet und in die sozialen Netzwerke. Und das müssen sie auch! Denn bereits heute informieren sich die Leser viel über das Internet, durchforsten Fanpages auf Facebook oder folgen ihren Favoriten auf Twitter. Ich denke jedoch, dass die Menschen sich nicht ausschließlich über eine “statische Berichterstattung” informieren möchten, sondern immer mehr durch lebendige Beiträge. Genau das bieten multimediale Erzählungsformen. Ebenso stehen Erfahrungsberichte und persönliche Meinungen ganz hoch im Kurs. Das fängt beim Backrezept an und hört bei Event-Empfehlungen auf. Und hier kommen die Blogger ins Spiel – nach und nach werden auch Blogs von Lesern und Unternehmern gerne als “Empfehlungsplattform” genutzt, beispielsweise durch gesponserte Beiträge (die, wie Anzeigen, natürlich auch als solche gekennzeichnet werden müssen) oder aber auch durch eigene Erfahrungswerte der Blogger (z.B. Reiseblogs). Ich mag das “freie Schreiben”, das ich mir als Bloggerin erlauben kann, während ich mich als Journalistin an die journalistischen Darstellungsformen halte.

Frau Meißner, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Marcus Klug. Besuchen Sie auch die Homepage zum Projekt “Demenz macht Schule”. Hier der Link: http://demenzservice-muensterland.pageflow.io/demenz-macht-schule#35580.

Thora Meißner hat sich schon immer für die unterschiedlichsten Menschen und Schicksale interessiert. Gerade diejenigen, die in der Gesellschaft teils noch mit einem “Tabu-Stempel” behaftet sind. Sie liebt es, mit Worten wachzurütteln, Tabus zu brechen und die Gesellschaft zu sensibilisieren. Die freie Journalistin aus Arnsberg widmet sich besonders gerne Reportagen und Porträts von Mensch zu Mensch. Eben Geschichten, die nur das Leben schreiben kann. Diese Geschichten so anspruchsvoll, modern und lesenswert wie nur möglich darzubieten, ist ihre an sich selbst gestellte Herausforderung. Mehr erfahren Sie unter www.wortschrei.com oder über ihren persönlichen Blog www.kreativpause.xyz.

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.