Soziale Medien als Vermittler: Nutzen für Angehörige, Pflegekräfte und beratende Personen

Die Wege des Erinnerns und Vergessens sind ähnlich verschlungen wie die Möglichkeiten der Vermittlung und Kommunikation von Wissen und Informationen in sozialen Medien. Angehörige, Pflegende und beratende Personen nutzen diese Medien auf unterschiedliche Weise und interessieren sich ebenso für verschiedenartige Schwerpunkte im Umgang mit Demenz. Der Beitrag klärt darüber auf, inwieweit diese Zielgruppen von sozialen Medien profitieren können, und worin eigene Zugangsweisen bestehen.

Fragt man Menschen, was sie mit dem Begriff der “sozialen Medien” assoziieren, so wird man keine einheitliche Antwort bekommen. Allerdings lassen sich dennoch gewisse Tendenzen festmachen, wenn wir das Alter und verschiedene Milieus in diese Frage miteinbeziehen. “Ach, dass sind doch diese Medien, die bei den jungen Leuten so beliebt sind, um miteinander zu kommunizieren”, wird vielleicht eine ältere Dame auf diese Frage antworten. Und in der Tat wissen wir mittlerweile aus zahlreichen Studien eine Menge über den Umgang mit dem Internet und damit auch über gewisse Barrieren, die für die Nutzung von sozialen Medien von Bedeutung sind.

Dabei geht das Potential von sozialen Medien weit über das Kommunizieren von Kurznachrichten und Statusmeldungen in Facebook und Twitter hinaus. Sowohl Angehörige als auch professionell Pflegende und beratende Personen können soziale Medien dazu nutzen, wertvolle Informationen und Wissen im Umgang mit Demenz miteinander zu teilen. Darüber hinaus können soziale Medien auch in der Form von Videos auf YouTube und Podcasts (Audio-Beiträge) ein erster Einstieg in das Thema Demenz sein, etwa für Angehörige, die wissen wollen, wie man mit herausforderndem Verhalten in der Praxis umgeht.

Der Graben zwischen digitalen Außenseitern und digitalen Eingeborenen

Im Jahre 2012 wurde von dem “Deutschen Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet ” (DIVSI) eine Studie herausgegeben, in der anhand umfangreicher empirischer Daten u. a. das individuelle Internet-Nutzungsverhalten verschiedener Milieus und Bevölkerungsschichten ausgewertet wurde. Überraschenderweise ist bei dieser Studie herausgekommen, dass rund 40 Prozent der deutschen Bevölkerung zu den digitalen Außenseitern gehören. Das sind Menschen, deren Durchschnittsalter bei ungefähr 65 Jahren liegt. Für dieses Milieu spielen das Internet und damit auch soziale Medien so gut wie keine Rolle.

Anders verhält es sich mit den digitalen Eingeborenen. Das sind Personen, die nach 1980 geboren sind, und für die der Umgang mit dem Internet eine Selbstverständlichkeit darstellt. Der amerikanische Psychologe Gary Small benutzt in diesem Zusammenhang gar den Begriff “Brain Gap”. Darunter versteht Small eine dramatische Kluft zwischen den Gehirnen, die sehr stark durch die derzeitige digitale Entwicklung vorangetrieben wird und die den Graben zwischen digitalen Außenseitern und digitalen Eingeborenen neuronal verstärkt. Denn die Gehirne der digitalen Eingeborenen sind im Vergleich zu wesentlich älteren Mediennutzern durch dramatisch abweichende neuronale Aktivitäten gekennzeichnet, so Small.

Es handelt sich also um einen Generationskonflikt in zweifacher Hinsicht: Auf der einen Seite können die Eltern und Großeltern der digitalen Eingeborenen deren Kommunikationsverhalten nicht mehr nachvollziehen (so ähnlich wie den Musikgeschmack und das Lebensgefühl, das in den 1950er Jahren mit der Rock´n´Roll Revolution verbunden war), auf der anderen Seite handelt es sich um einen Konflikt zwischen den Gehirnen, weil diese nicht mehr kompatibel miteinander sind. Wer sich seit frühester Kindheit mit dem Computer sozialisiert hat, verfügt auch über ein anderes Gehirn, da sich die Synapsen im Umgang mit digitalen Technologien auf eine völlig andere Weise miteinander verschalten und sich dementsprechend neue neuronale Strukturen ausbilden, die bei älteren Mediennutzern in dieser Weise nicht vorhanden sind.

In Zukunft wird es demnach immer wichtiger, dass verschiedene Generationen und Milieus mehr voneinander lernen – junge Menschen die Reflexion und Grundregeln der Kommunikation, ältere Menschen den Umgang mit digitalen Medien, um bestehende Barrieren abzubauen, aber auch Vorurteile gegenüber der digitalen Kultur zu reduzieren.

Die Zukunft der sozialen Medien: Die digitalen Eingeborenen im Rentenalter

Der hohe Anteil von digitalen Außenseitern, also Menschen, die sich nur wenig bis gar nicht für digitale Medien interessieren, überrascht. Denkt man jedoch genauer über diesen hohen Anteil nach, kommt man schnell auf das Thema des “demografischen Wandels”.

Die Sterberate ist in Deutschland seit 1972 höher als die Geburtenrate. Und weil der Anteil der älteren Bevölkerung stetig zunimmt (und damit auch der Anteil demenzerkrankter Personen), gibt es auch wesentlich mehr Menschen, für die der Umgang mit dem Computer und dem Internet alles andere als eine Selbstverständlichkeit darstellt. Für demenzerkrankte Personen ist diese Barriere sogar noch wesentlich größer: Diese Personen sind – je nach Stadium der Demenz und der Eintrübung des Kurzzeitgedächtnisses nicht mehr dazu in der Lage – den Umgang mit sozialen Medien neu zu erlernen; mit Ausnahme vielleicht von jenen Personen, die unter frontotemporaler Demenz leiden, weil bei dieser Art von Demenz zu Beginn nicht die Gedächtnisbeeinträchtigung im Vordergrund steht.

Eine Möglichkeit, bestehende Barrieren im Umgang mit dem Computern und dem Internet abzubauen, besteht darin, den Computer wie ein Buch zu nutzen, da ältere Menschen mit diesem  Medium bestens vertraut sind. Ein Beispiel für solche Bücher sind Erinnerungsalben, die mit Tondokumenten und Filmbeispielen angereichert werden und die dazu genutzt werden können, vielfache Assoziationen und Emotionen wachzurufen, etwa wenn man einzelne filmische Passagen aus Wochenschauen zeigt, wie sie in Deutschland seit 1911 produziert worden sind.

Auf der anderen Seite wird auch die Generation der heutigen digitalen Eingeborenen eines Tages im Rentenalter sein :-) Barrieren im Umgang mit digitalen Medien, wie sie heute bei Menschen tendenziös überwiegen, deren Durchschnittsalter bei 65 Jahren liegt, werden dann wahrscheinlich kaum noch eine Rolle spielen; zumindest bei Personen, deren Gedächtnis noch relativ gut funktioniert.

Soziale Medien für Angehörige, professionell Pflegende und beratende Personen

Inwieweit profitieren Angehörige, Pflegende und beratende Personen von sozialen Medien?

Die eigene Zugangsweise zu Wissen und Informationen in sozialen Medien hängt nicht nur mit familiären Problemfällen und professionellen Interessen zusammen, sondern ist auch mit der Frage verbunden, von welcher Art von sozialen Medien wir überhaupt sprechen. Aufgrund von Unwissen wird häufig vergessen, wie viele unterschiedliche Formen von sozialen Medien an sich existieren: Wenn es beispielsweise darum geht, genauer zu erfahren, welche Herausforderungen im Umgang mit Demenz bestehen, können Film-Beiträge auf YouTube oder Podcasts (Audio-Beiträge) ein erster Einstieg in diese Thematik sein. Aber auch gezielte Fragen und Diskussionsbeiträge in Internetforen, auf Facebook oder Wikis zu bestimmten Begriffen aus der Demenzforschung können ein erster Ankerpunkt sein.

Nutzen für Pflegende und Angehörige

Viele Demenzerkrankte befinden sich heute in einem recht hohen Alter. Nicht selten kommt es vor, dass die Angehörigen, etwa die Söhne und Töchter von demenzerkrankten Personen daher ebenso zu einem Milieu gehören, das aufgrund der Altersstruktur nur wenig Bezug zu Computern und dem Internet hat.

Ein andere Perspektive ergibt sich, wenn wir die Enkel und Urenkel betrachten: Für diese Gruppe stellt das Internet häufig eine wichtige Quelle für das Recherchieren von Informationen dar. Gerade in Situationen, in denen Angehörige mit der Betreuung von Demenzerkrankten überfordert sind, kann es zwecks Orientierung sinnvoll sein, gute Informationsportale im Internet zu kennen, um z. B. zu erfahren, welche Aspekte in der Kommunikation mit demenzerkrankten Personen besonders wichtig sind. Hier können sich Familienangehörige gegenseitig unter die Arme greifen.

Soziale Medien spielen bei derartigen Aktivitäten insofern eine herausragende Rolle, als dass Wissen und Informationen mit anderen Betroffenen und Angehörigen geteilt werden können. Daneben ist das Teilen von Wissen und Informationen rund um das Thema Demenz über soziale Medien auch für professionell Pflegende von Relevanz. Denn schließlich bleibt im professionellen Pflegealltag häufig nur recht wenig Zeit für das Recherchieren von wichtigen Hintergrundinformationen zum Umgang mit Demenz übrig. Über die Kommunikation und Nutzung von sozialen Medien können Pflegende in der Recherche sehr viel Zeit sparen. Darüber hinaus können sie ebenso wie die Angehörigen wichtige Informationen mit anderen Personen teilen, neue Perspektiven hinzugewinnen und ihr eigenes Netzwerk entscheidend erweitern – mit einem vergleichsweise geringen Aufwand.

Demenz im Netz

Ein Beispiel für nützliche soziale Medien, in denen es um den Austausch von Wissen und Informationen geht, war z. B. das PflegeWiki – ein deutschsprachiges Wiki-Projekt für den Gesundheitsbereich Pflege. Andere Beispiele stammen von Facebook: So betreibt z. B. die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. einen Facebook-Auftritt, in dem bemerkenswerte Informationen, Tipps und Ratschläge zum Thema “Menschen mit Demenz und ihre familiären Angehörigen” geteilt werden. Oder der Facebook-Auftritt von Gehirn.info: In diesem Kanal können Sie sich genauer mit der Funktionsweise und Veränderung unseres Gehirns vertraut machen, etwa bei der Frage, was sich aus neurobiologischer Sicht bei einer Demenz an den Gehirnzellen verändert.

Nutzen für beratende Personen

Die dritte Gruppe sind selbstständige Personen bzw. solche Personen, die beratend im Demenzbereich tätig sind. Gerade bei Demenzberatung und Coaching zu Fragen der Begleitung von Veränderungsprozessen oder bei Problematiken im Pflegealltag, die beim Umgang mit Demenzerkrankten häufig auftreten, ist neben dem Aspekt der Recherche von Informationen oder dem Teilen von Wissen, die Darstellung und Vermittlung der eigenen Beratungsleistungen gefragt.

Beratende Personen, die zusätzlich wissen, wie man u. a. einen professionellen Blogauftritt umsetzt oder digitale Medien für Veränderungsprozesse nutzen kann, können neue Beratungsprodukte und Dienstleistungen anbieten und damit ihre bestehenden Zielgruppen erweitern.

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

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