Persönlichkeitspsychologie: Die fünf grundlegenden Dimensionen der Persönlichkeit

Halten Sie manche ihrer Kollegen, die nicht offen über emotionale Probleme in der Pflege reden, für viel zu introvertierte Persönlichkeiten? Oder nervt sie zuweilen die Ungeduld von Personen mit Demenz, wenn sie ihre Bedürfnisse nicht immer klar erkennen? Diese Situationen sind Beispiele dafür, wie unterschiedlich Menschen sein können, und welche Auswirkungen bestimmte Persönlichkeitsmerkmale auf unser Verhalten haben. Dabei gibt das Big Five Persönlichkeitsmodell Auskunft über grundlegende Dimensionen unserer Persönlichkeit.

Die Pflege von Menschen mit Demenz erfordert einige grundlegende Persönlichkeitsmerkmale, die nicht bei allen Menschen gleich stark ausgeprägt sind. Eine ältere Dame, die sie pflegen und die an Alzheimer erkrankt ist, fängt immer wieder damit an, laut zu rufen oder zu schreien. Und als wäre das nicht genug, so teilen sie sich in letzter Zeit auch noch die ganze Pflegearbeit mit ihren wenigen Kollegen, da noch keine weiteren Pflegekräfte für diese Art von Arbeit gefunden worden sind, die so wie Sie über ausreichend Erfahrung und eine gute Ausbildung in diesem Beruf verfügen. Oder es wird von Ihnen in ihrer Rolle als Führungskraft verlangt, dass Sie stets offen und geduldig für die Probleme ihrer Mitarbeiter sind, dass sie auch bei großem Stress die Ruhe bewahren, gleichzeitig aber wenn es darauf ankommt, auch autoritär sein können und viel Durchsetzungsvermögen besitzen. Merken Sie, wo das Problem liegt?

Schon bei diesen Beispielen wird klar, was alles in der Pflege von Menschen mit Demenz in Sachen Persönlichkeit gefordert sein kann: Neugierde und Offenheit gegenüber den Menschen, die wir pflegen, aber auch Geduld und Gelassenheit, wenn die Dinge mal wieder nicht so funktionieren, wie wir uns das vielleicht vorgestellt haben. Aber eine Person, die all die zuvor skizzierten Persönlichkeitsmerkmale in ähnlich großen Anteilen in sich vereint, muss erst noch gebacken werden: stets gut gelaunt und offen, immer gewissenhaft und robust im Umgang mit Stress – ganz gleich, was auch immer kommen mag ;-) Deshalb gibt es auch die Persönlichkeitspsychologie, die unter anderem fragt, worin die grundsätzlichen Dimensionen unserer Persönlichkeit bestehen. Und ein ganz wichtiges Modell ist dabei das sogenannte “Big Five Persönlichkeitsmodell”.

Das Big Five Persönlichkeitsmodell

Schon in der Antike haben wir Menschen nach Temperamentseigenschaften eingeteilt. Später kamen dann noch Körpertypen hinzu, etwa der athletische Typ, der auch für bestimmte Temperamentseigenschaften steht, und dann hat schließlich der Psychologe Hans Jürgen Eysenck (1916 bis 1997) diese Ansätze in zwei Grunddimensionen der Persönlichkeit zusammengefasst: den “Neurotizismus”, welches eine eher instabil-ängstlich-besorgte Persönlichkeit kennzeichnet, und das Gegensatzpaar “Extraversion – Introversion”. Dieses Gegensatzpaar steht für die ganze Spannbreite, die von einer eher introvertierten und ruhigeren Persönlichkeit bis hin zu einer sehr offenen und äußerst kommunikativen und neugierigen Persönlichkeit reicht. Auf diese Weise entsteht ein Kreis, mit dem wir Persönlichkeit besser beschreiben können.

Auf der Grundlage des Modells von Eysenck wurde dieser Kreis von der modernen Entwicklungspsychologie noch erweitert, so dass wir heute mit insgesamt fünf Grundfaktoren zu tun haben – den sogenannte “großen Fünf” – und der weiteren Unterteilung in jeweils positive und negative Einzelmerkmale (siehe dazu auch die Abbildung unterhalb dieses Absatzes).

Das Persönlichkeitsmodell der “Big Five” aus der modernen Persönlichkeitspsychologie, auch bekannt als Fünf-Faktoren-Modell (FFM).

Nun möchte ich die fünf Dimensionen noch einmal auf die Pflege von Menschen mit Demenz beziehen:

  1. Verträglichkeit bedeutet, wenn sie stärker ausgeprägt ist, dass wir kooperativ, freundlich und mitfühlend sind. Ist Verträglichkeit dagegen schwach ausgeprägt, so sind wir eher misstrauisch und weniger freundlich. Verträglichkeit spielt in der Versorgung und Betreuung von Menschen mit Demenz eine herausragende Rolle. Es ist kaum vorstellbar, Menschen mit Demenz zu pflegen und betreuen, wenn wir unserer Umwelt dauerhaft misstrauisch und feindselig begegnen.
  2. Extraversion bedeutet, wie stark oder wie schwach wir auf äußere Reize reagieren. Personen mit hohen Extraversionswerten sind gesellig, aktiv, gesprächig und optimistisch. Introvertierte Personen sind zurückhaltend bei sozialen Interaktionen, gerne allein und unabhängig.
  3. Gewissenhaftigkeit bedeutet etwa, Aufgaben fertig zu stellen, möglichst pünktlich und fehlerfrei. Gewissenhaftigkeit hat auch viel mit Selbstständigkeit zu tun. Gewissenhafte Menschen dulden häufig keine Nachlässigkeiten und können sehr gut strukturieren und organisieren.
  4. Neurotizismus spiegelt als Faktor Unterschiede in der Verarbeitung von negativen Emotionen. Personen mit einer hohen Ausprägung in Neurotizismus erleben häufiger Angst, Trauer und Unsicherheit. Zudem bleiben diese Empfindungen bei ihnen länger bestehen und werden leichter ausgelöst. Personen mit niedrigen Neurotizismuswerten sind dagegen weniger unsicher und agieren ruhiger. Neurotizismus spielt insbesondere auch in der Versorgung und Betreuung von Menschen mit Demenz eine bedeutsame Rolle, da es hier darauf ankommt, häufiger auftretende Emotionen wie Schmerz, Trauer oder Wut auf eine möglichst produktive Art zu verarbeiten. Personen mit einer hohen Ausprägung in Neurotizismus fällt das schwerer.
  5. Offenheit wird mit solchen Adjektiven wie “einfallsreich” und “phantasievoll” verbunden oder mit der Eigenschaft, traditionelle Werte in Frage zu stellen. Am anderen Ende der Skala stehen Adjektive wie “konservativ”, “konventionell” oder auch “routiniert”.

Machen Sie den Big Five Test!

Ich persönlich finde es immer wieder spannend, von Zeit zu Zeit verschiedene Persönlichkeitstests zu durchlaufen. Auf dieser Online-Seite finden Sie den Big Five Test: http://big-five.plakos.de/. Es erwarten Sie insgesamt 42 Fragen, wobei der Test in etwa 8 Minuten dauert.

Bei mir kam dabei übrigens folgendes heraus:

Ihre Big Five Auswertung

O – Offenheit 81%
Sie sind eher originell, kreativ und wissbegierig.

C – Gewissenhaftigkeit 63%
Sie sind eher zuverlässig, gut organisiert, diszipliniert und sorgfältig.

A – Verträglichkeit 50%
Es fällt Ihnen leicht, andere zu kritisieren.

E – Extraversion 85%
Sie sind eher gesellig, freundlich, fröhlich und gesprächig.

N – Neurotizismus 54%
Sie sind eher nervös, angespannt, unsicher und besorgt.

Die Werte “Extraversion”, “Offenheit” und “Gewissenhaftigkeit” sind bei mir am stärksten ausgeprägt, wobei ich auch zuweilen innerlich unruhig und angespannt bin, was wiederum die Kehrseite von Offenheit sein kann. Ich persönlich kenne mich ziemlich gut, wobei meine Beobachtung ist, dass das keineswegs bei allen Menschen der Fall ist. Im Gegenteil: Meine bisherige Erfahrungen sagen mir eher, dass sich viele Personen gar nicht wirklich gut kennen, übrigens auch ältere erwachsene Personen ;-) Für die Umsetzung von eigenen Wünschen und Interessen ist das aber absolut wichtig und genauso wichtig kann es auf der anderen Seite sein, die Wünsche und Bedürfnisse anderer Personen besser zu kennen, etwa die Wünsche und Bedürfnisse von Personen mit Demenz, die Sie pflegen!

Noch aussagekräftiger wird der Persönlichkeitstest jedoch, wenn Sie nicht nur selber die einzelnen Fragen beantworten, sondern die Einschätzung ihrer eigenen Persönlichkeit zusätzlich durch eine weitere Person ergänzen. Auch hierzu habe ich einen Link gefunden, wo “Sie selbst” und “Andere Personen” die einzelnen Felder des Big Five Persönlichkeitstests ausfüllen können: http://de.outofservice.com/bigfive/.

Noch gestern Abend habe ich meine Freundin gefragt, ob Sie diese Rolle übernehmen mag. Im Umkehrschluss haben ich dann selbstverständlich auch ihren Persönlichkeitstest zusätzlich um meine eigenen Einschätzungen ihrer Person ergänzt. Und was kam dabei heraus? Dass sich bei uns Selbst- und Fremdeinschätzung weitgehend decken. Das finde ich wichtig: Denn es gibt ja auch Personen, die sich selber ganz anders einschätzen als andere Personen. Das nennt man die Differenz von Selbst- und Fremdreferenz, um soziologisch zu sprechen.

Blinde Flecken in der Selbsteinschätzung

Führungskräfte sind zuweilen nicht dazu in der Lage, sich realistisch selbst einzuschätzen, da sie nur noch wenig Kritik erhalten und damit blind für den realistischen Abgleich mit ihrer Umwelt werden können. Auch für Führungskräfte gibt es Tests, was die Selbsteinschätzung anbelangt – hier ein Beispiel: http://www.management-diagnostik.de/apps/selbsteinschaetzung/selbsteinschaetzung.php. Und auch dieser Test sollte gerade bei einer Führungsperson zusätzlich noch von einer anderen Person durchgeführt werden! Bei Führungspersonen wäre das für mich sogar ein zwingendes Kriterium! Jetzt mögen Sie vielleicht einwenden: Und wenn ein Mitarbeiter das beurteilen soll, der überhaupt nicht kritisch ist, der sogar zuweilen Angst vor der Führungskraft hat? Dann wäre das für mich die falsche Person! Es sollte hier möglichst eine Person sein, die den Chef sehr gut kennt, aber gleichfalls unabhängig genug ist, um so objektiv wie möglich zu bewerten.

Auch bei Menschen mit Demenz kommt es übrigens häufig zu Problemen in der Selbsteinschätzung, wenn auch aus ganz anderen Gründen als bei einer Führungskraft, da solche Tests stark kognitiv geprägt sind und dementsprechend bei einer solchen Demenz wie Alzheimer Personen nicht mehr dazu in der Lage sein können (je nach Stadium), derartige Tests auszufüllen. Wenn aber eine Person, die pflegt, genauer wissen will, mit was für einer Persönlichkeit Sie es zu tun hat und dazu den Big Five Persönlichkeitstest benutzen will, kann sie beispielsweise pflegende Angehörige fragen, ob sie dazu bereit sind, einen solchen Test unter Einverständnis jener Person auszufüllen, die an Demenz erkrankt ist. Bei Paaren haben wir da beispielsweise häufig eine Idealkonstellation oder bei den Kindern von dementen Menschen, weil diese Personen den dementen Menschen besonders gut kennen, etwa die Mutter oder der Vater, der an Demenz erkrankt ist.

Fazit

Das Big Five Modell aus der Persönlichkeitspsychologie bietet einen guten Überblick über die grundlegenden Dimensionen unserer Persönlichkeit. Allerdings sollten wir derartige Modelle auch nicht überbewerten, da unsere Persönlichkeit immer komplexer ist! Dennoch lohnt es sich, sich einmal näher mit den Erkenntnissen der modernen Persönlichkeitspsychologie vertrauter zu machen und gegebenenfalls über Tests mehr über sich und andere Personen, die wir pflegen, zu erfahren.

Weiterführende Literatur und Online-Quellen:

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

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