Ergebnisse zur Befragung: Können Roboter Menschen pflegen?

In der letzten Woche haben wir unsere erste Mitmachaktion mit einer Frage gestartet. Wir wollten von Ihnen persönlich wissen: “Können Roboter Menschen pflegen?” Einige von Ihnen haben uns daraufhin einen Diskussionsbeitrag zugesendet. Eine Auswahl dazu stellen wir Ihnen nun vor. Außerdem geht es um weitere Hintergrundinformationen und Argumente zu unserer Frage.

Der Einsatz von Robotern in der Pflege ist mit folgender Frage unweigerlich verknüpft: Wieviel Technik braucht eine Gesellschaft, von der wir annehmen, dass der Anteil an alten Menschen gegenüber den Jungen in den kommenden Jahrzehnten noch drastisch ansteigen wird? Die Zahlen sprechen für sich: In dem erst kürzlich veröffentlichten Welt-Alzheimer-Bericht für 2013 geht man davon aus, dass sich die Anzahl Demenzerkrankter bis zum Jahre 2050 weltweit in etwa verdreifachen wird: 115 Millionen Demenzkranke, 277 Millionen Pflegebedürftige werden es dann sein, so die Prognose. Wer soll sich bis zu diesem Zeitpunkt um all die pflegebedürftigen Menschen kümmern, wenn immer weniger gut ausgebildete junge Pflegekräfte real existieren? Sind wir in einer solchen Situation nicht zwangsläufig auf den vermehrten Einsatz von Technik in der Pflege angewiesen?

Auf der anderen Seite können wir Ihre Bedenken sehr wohl nachvollziehen. Bei vielen professionellen Pflegekräften in Deutschland sind die Bedenken derzeit recht groß, was den möglichen Einsatz von Robotern in der Pflege anbelangt.

Die kritische bis ablehnende Haltung gegenüber dem Einsatz von Robotern in der Pflege stützt sich dabei auf folgende Argumente und Bedenken:

  • Ethische und rechtliche Fragestellungen. Solche Fragstellungen hängen beispielsweise mit der Sorge zusammen, dass Maschinen eines Tages die Kontrolle über die Menschen übernehmen könnten. Oder wie ist es um die Sicherheit bestellt? Wer haftet also, wenn etwas schiefläuft mit den Robotern?
  • Pflege ist eine Dienstleistung, in der Menschen und ihre Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen. Deshalb sind in der Pflege viel Fingerspitzengefühl, Empathie, Kommunikation und Erfahrungswissen gefragt. Roboter verfügen nicht über derartige Fähigkeiten und Kompetenzen.
  • Schließlich existiert noch das Argument bzw. die Sorge, dass viele Arbeitsplätze in der Pflege durch Roboter wohlmöglich bedroht werden könnten. Da Pflege aber an sich eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit ist, sind diese Ängste vielfach unbegründet. Was allerdings vorstellbar ist, dass gerade ungelernte und schlecht ausgebildete Arbeitskräfte in der Pflege durch den vermehrten Einsatz von Technologie in der Zukunft ihren Job verlieren werden.

Hier Ihre persönlichen Reaktionen auf unser Frage: Können Roboter Menschen pflegen?

Frau Johanna Meixner, studierte Rehabilitationspsychologin, schrieb uns:

“Jeder, der in der Pflege gearbeitet hat, und bejaht, dass Roboter in der Pflege tätig sein könnten, hat meines Erachtens den Beruf verfehlt. Solange Roboter nicht zu menschlichen Gefühlen wie Empathie und Wertschätzung fähig sind, würde damit den zu pflegenden Menschen keinen Gefallen getan werden. Pflege ist nicht nur satt und sauber, Pflege ist Kommunikation, das Herstellen einer Vertrauensbasis, Erkennen von Stimmungen und Bedürfnissen, um nur einige Aspekte des Pflegeberufes zu nennen. Beruf kommt von Berufung, welcher Roboter hat davon eine Ahnung? Roboter aller Länder, bleibt in Laboren oder Maschinenhallen, aber macht die Pflege nicht unmenschlich. Ein klares Nein zu pflegenden Robotern.”

Unsere Reaktion:

“Ein Stichwort von Ihnen finde ich absolut bemerkenswert: nämlich das `Erkennen von Stimmungen´. Tatsächlich ist das bis zu einem gewissen Grad denkbar, dass Maschinen Gefühle `errechnen´. Basale Affekte und Gefühle wie z. B. Angst lassen sich ja beispielsweise durch den erhöhten Pulsschlag messen. Das könnte durchaus auch ein Roboter sein, der auf solche basalen Gefühlsregungen reagiert. Von echter Empathie ist das aber natürlich noch meilenweit entfernt. Aber wie sieht es damit wohl in der Zukunft aus?”

Ihre Antwort:

“Mag sein, dass das Erkennen von Stimmungen bis zu einem gewissen Grad möglich ist, mir grauts davor. Wie reagiert die Maschine z. B. auf Aggressionen? Kommt dann die Tonbandstimme und säuselt, alles wird gut? Was passiert, wenn das Programm abstürzt? Ich seh schon die Schlagzeile: wild gewordene Pflegeroboter waschen Frau zu Tode. Was will man eigentlich damit? Etwa dem Pflegenotstand entgegenwirken? Erst Bergbauarbeiter, dann im Ausland werben, und nun die Roboter, um Pflege ökonomischer zu machen. Für mich der falsche Weg, indiskutabel.”

Ansonsten kam auch noch ein Diskussionsbeitrag von Katja Hörter, studierte Sozialarbeiterin und Kunsttherapeutin, die als Autorin auf unserem Blog für das Demenztagebuch verantwortlich ist. In dem Tagebuch, welches täglich auf unserem Blog erscheint, reflektiert Hörter die Pflege ihrer demenzkranken Großmutter in ihrem letzten Lebensjahr. Hier der Link dazu.

Frau Hörter schrieb uns folgendes zu unserer Frage:

“Nein, sie können nicht Menschen pflegen. Wir müssen auch nicht ständig neue Standards erfinden und die alten immer mehr entmündigen. Kein Rentner will wirklich mit Vollpension im Hotel leben mit langweiligen und fantasielosen Unterhaltungsprogrammen. Sie wollen täglich die Möglichkeit dazu haben, selbst zu entscheiden, ob sie etwas unternehmen oder auf die Hilfe anderer zurückgreifen wollen. Wer außer seiner Arbeit und Familie keine Tätigkeiten im Leben gelernt hat, kommt um vor Langeweile und Nutzlosigkeit. Heime auflösen ist der erste richtige Schritt gegen den Pflegenotstand.”

Ein weiterer Beitrag zu der Frage “Können Roboter Menschen pflegen?” in CAREkonkret

Zu der Frage “Können Roboter Menschen pflegen?” habe ich noch gestern einen sehr bemerkenswerten Beitrag in der CAREkonkret gelesen: Die Wochenzeitung für Entscheider in der Pflege. In der Ausgabe 41 war das Thema der Woche Technologie. Dementsprechend wurden in diesem Beitrag die Chancen und Risiken näher beleuchtet, die mit dem Einsatz von Technologie in der Pflege verbunden sind. Auch in diesem Beitrag wurde bestätigt, dass es in der Pflege große Vorbehalte gegen den Einsatz etwa von Robotern oder auch große Datenbanken gibt. Der Hintergrund zu dem Artikel bildete der internationale Kongress E.D.E. in Tallinn, der vom 26.09. bis zum 29.09.2013 stattfand, und der sich vor allem an Leitungskräfte aus der professionellen Pflege und Wissenschaftler aus 20 europäischen Nationen richtete. Tallinn – das ist übrigens die Hauptstadt von Estland.

Was die Roboter anbelangt, so wurden auf diesem Kongress u. a. Haarwaschautomaten bis Roboter vorgestellt, die einzelne Bewohner aus dem Bett heben können (was beispielsweise in Japan schon teilweise praktisch umgesetzt worden ist; Anm. der Redaktion). Prof. Dr. Thomas Klie, ein Rechtsanwalt und Theologe aus Freiburg, ging vor diesem Hintergrund sowohl auf einzelne Bedenken ein, als auch auf die Pro-Argumente, etwa den Autonomiegewinn, der mit dem Einsatz von Robotern verbunden ist. Das Argument: Wenn Roboter zukünftig einzelne Routine-Tätigkeiten mehr übernehmen würden, dann bliebe auch mehr Zeit für die eigentliche Pflegearbeit: etwa für die Kommunikation und die Arbeit an Beziehungen, was bereits auch schon heute – auch ganz ohne Roboter – vielfach in der professionellen Pflege stark vernachlässigt wird.

Aus ökonomischer Sicht wurde darüber hinaus auf dem Kongress u. a. das Sparpotential betont, das mit dem vermehrten Einsatz von Technologie in der Pflege verbunden ist. Letzteres Argument ist sicherlich ein wenig fragwürdig, wenn wir dabei bedenken, wie stark der Notstand in der Pflege in vielen Einrichtungen hierzulande bereits ist. Sparpotential klingt in diesem Zusammenhang schon ein wenig zynisch, wie ich finde. Dann doch lieber mehr qualifizierte Pflegekräfte einstellen und endlich in der Pflege für das sorgen, was ihr häufig  hierzulande fehlt, nämlich die Anerkennung, gerade auch in finanzieller und personeller Hinsicht.

Auf der anderen Seite ist der Einsatz von Robotern in der Pflege aber auch nicht per se verwerflich: Zuweilen ist es schon hilfreich, weniger emotional zu reagieren und noch einmal das Für und Wider genauer abzuwägen. Denn eines steht zumindest auch schon heute fest: Die Roboter in der Pflege werden früher oder später kommen, ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist nur, in welchen Bereichen und zu welchen Zwecken sie zukünftig eingesetzt werden.

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

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