Vernetzte Gesundheit und Pflege: Interview mit Jan Piatkowski

Auf dem diesjährigen 5. Niederrheinischen Pflegekongress hielt Jan Piatkowski einen Vortrag zum Thema “Digitale und vernetzte Gesundheit” (Vortrag auch frei abrufbar auf Slideshare: http://de.slideshare.net/janpiatkowski/vortrag-npk13-digitalevernetztegesundheitpflege). Im Interview erläutert Piatkowski – Projektmanager in einer Kölner Internetagentur und Experte für Social Media und digitale Informationen –, warum das Internet als Informationsmedium für Gesundheit und Pflege zunehmend mehr an Bedeutung gewinnt.

In den vergangenen Monaten konnten wir im Internet zahlreiche Neuigkeiten aus der Gesundheitswelt verfolgen, welche die ein oder andere Person sicherlich überraschte: der Internet-Gigant Google stellte der weltweiten Öffentlichkeit sein Projekt Calico vor, durch welches das Leben zukünftig verlängert werden soll, ein 15-jähriger amerikanischer Jungforscher – sein Name Jack Andraka – entwickelte einen Krebstest und gewann damit im Jahr 2012 bei der Intel International Science and Engineering Fair – dem größten Forschungswettbewerb der Welt.

Überhaupt werde ich den Eindruck nicht los, dass wir schon längst im Gesundheitszeitalter angekommen sind: eine gänzlich neue Qualität gewinnt dieses Zeitalter allerdings erst mit den Möglichkeiten von digitalen Medien, speziell mit dem Internet.

Ich ließ es mir daher nicht nehmen, Jan Piatkowski auf dem diesjährigen Niederrheinischen Pflegekongress einige Fragen zu diesen Möglichkeiten zu stellen und etwas tiefer in die digitale Gesundheitskultur einzusteigen. Dienstleister im Pflege- und Gesundheitssektor können hier sicherlich eine Menge lernen, aber auch einzelne Personen, die beispielsweise genauer wissen wollen, welche Möglichkeiten für die Diagnose von Alzheimer bestehen, und wo man die passenden Informationen dazu findet. Worauf es bei Recherchen im Internet ankommt, und inwieweit das Internet gerade auch für professionelle Pflegekräfte relevant ist, erläutert Jan Piatkowski im Interview.

Herr Piatkowski, Sie haben auf dem diesjährigen Niederrheinischen Pflegekongress einen Vortrag zum Thema “Digitale und vernetzte Gesundheit und Pflege” gehalten. Warum ist das Internet als Informationsmedium für Pflegende von Relevanz?

Das Internet ist prinzipiell für jeden interessant, der Informationen über seinen Berufsstand sucht und neue Möglichkeiten erproben will. Auf viele Branchen hat das Netz bereits revolutionär gewirkt, in erster Linie bei Medien wie Musik und Nachrichten. Auch die Arbeitskultur hat sich verändert, nicht nur Informationen, sondern ganze Büros sind dank der modernen Technologie mobil und jederzeit verfügbar.

Im Vortrag habe ich aufgezeigt, dass Menschen das Netz immer häufiger dazu nutzen, sich über Themen der Gesundheit und Pflege zu informieren. Da liegt es auf der Hand, dass Dienstleister im Pflege- und Gesundheitssektor sich dem nicht entziehen können – natürlich auch unter dem Aspekt, dass jeder Patient seine individuelle Historie mit sich bringt und somit vielmals nur ein grundlegendes Informationsbedürfnis befriedigt werden kann.

Relevante Informationen liegen überall im Netz verteilt – das macht die Recherche sehr schwierig. Neben entsprechenden Google-Suchen können auch die Websites der Dienstleister, der Anbieter in der Gesundheitsindustrie sowie spezialisierte Datenbanken (wie etwa das “Web Of Science”) und Blogs dem Nutzer weiterhelfen. In anderen Bereichen, wie etwa dem Recht, bloggen Profis wie Thomas Schwenke oder Udo Vetter erfolgreich über ihre Themen. Das sollte doch auch im Pflegesektor machbar sein, mit dem Ziel, Informationen und Neuigkeiten für Pflegekräfte und Angehörige zu liefern.

Jan Piatkowski beim seinem Vortrag “Digitale und vernetzte Gesundheit und Pflege” auf dem diesjährigen Niederrheinischen Pflegekongress

Sie haben u. a. auch auf das Projekt “Google Calico” in Ihrem Vortrag verwiesen. Um was für ein Projekt handelt es sich dabei? Können Sie das einmal näher ausführen?

Calico wurde von Google ins Leben gerufen, wie Geschäftsführer Larry Page im September 2013 bekannt gab. Den Vorsitz von Calico übernimmt Art Levinson, der zeitgleich im Vorstand von Apple sitzt und dazu aus der Gesundheitsindustrie kommt. Weitere Informationen sind sehr spärlich zu bekommen, aber die Anstrengungen von Google, im Gesundheitswesen eine Anlaufstelle zu bieten sind nicht neu – man sehe nur “Google Health”, das bis 2011 im Netz war. (Siehe hierzu auch: http://mashable.com/2013/09/18/google-calico-human-life/). Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Google hier verschiedene Dinge einbringen kann.

Zum einen ist die Verknüpfung der Google-Dienste untereinander fortgeschrittener, als es 2011 der Fall war: Die Google-Suche, Google+, Locations, Maps und Android-Smartphones sind enger miteinander verzahnt. Informationen haben so stärker eine orts-, zeit- und personenbezogene Relevanz und gehen stärker auf die Bedürfnisse des Nutzers ein – inklusive der Krankengeschichte. Das somit immer stärker werdende Netz aus Informationen und deren Beziehung untereinander läuft auf den Google Servern auf und wird mittels Algorithmen ausgewertet. Die Erfahrung im Umgang mit solchen Datendichten kann Google im Verbund mit anderen Partnern aus der Technologie – wie etwa Apple – einbringen, um Forschern ein gewaltiges Werkzeug zur Datenauswertung an die Hand zu geben.

Das alles wird auf die Frage zugespitzt, ob Googles Algorithmen den Tod entschlüsseln können, wie es auf dem Titelbild des TIME Magazine (Time Magazine: “Can Google solve Death?”) getan wird. Das klingt erstmal unmöglich – aber jetzt nutzen schon Menschen digitale Dienste, um ihr Wohlergehen zu steigern, der im Vortrag (Vortrag zum Thema “Digitale und vernetzte Gesundheit und Pflege” von Jan Piatkowski auf dem 5. Niederrheinischen Pflegekongress; Anm. der Redaktion) genannte Ari Meisel ist da ein Beispiel. Warum sollen also Daten und Informationen nicht irgendwo den Schlüssel dazu haben, um schwere Krankheiten behandeln zu können? Damit mehr Menschen wie Jack Andraka (siehe dazu auch: http://www.smithsonianmag.com/science-nature/Jack-Andraka-the-Teen-Prodigy-of-Pancreatic-Cancer-179996151.html) Fortschritte im Bereich der Medizin und Pflege erzielen können?

Wie sind Sie auf Ihr Vortragsthema gekommen? Welchen persönlichen und beruflichen Bezug haben Sie zum Internet, zu digitalen Informations- und Kommunikationsmedien und insbesondere zu den Themen Gesundheit und Pflege?

Das Thema “Gesundheit und Pflege” ist mir als regelmäßiger Teilnehmer des Niederrheinischen Pflegekongresses nicht neu. Als deren Organisator und guter Freund Ali Celik mich fragte, ob ich einen Vortrag halten möchte, war für mich klar, dass ich über den Einstieg der digitalen Selbstmessung (Schlagwort “Quantified Self”) mir das Thema der digitalen und vernetzten Gesundheit und Pflege erarbeiten würde. Meinen Background im Bereich der digitalen Welt habe ich aus dem Studium der Informationswissenschaften erhalten, zudem bin ich seit mehreren Jahren im digitalen Business unterwegs – angefangen bei einem Düsseldorfer Startup, aktuell als Projektmanager in einer Kölner Internetagentur.

Das Thema “Gesundheit und Pflege” ist eher ein persönliches Interesse, über den Einstieg per Smartphone-App zur Herzschlagmessung oder Laufleistung hinaus. Ich habe bei vielen Vorträgen, die ich gehört habe, gemerkt, dass das Thema der Digitalisierung eng mit Gesundheit und Pflege verdrahtet ist. Die Möglichkeiten sind hier umfassend, so habe ich mich bei entsprechenden Internet-Ressourcen auch gezielt zu dem Thema und dem aktuellen Stand informiert  – zusätzlich zu den qualitativ hochwertigen Vorträgen des Niederrheinischen Pflegekongresses.

Viele professionelle Pflegekräfte kennen sich mit Recherchestrategien bei der Suche nach relevanten Informationen im Internet nicht besonders gut aus. Was gilt es dabei zu beachten? Welche Strategien sind dabei von Bedeutung?

Bei dieser Fragestellung wird oft verkannt, dass viele, die heute etwas länger berufstätig sind, nicht zwingend einen digitalen Background besitzen, geschweige denn mit einem Computer oder gar dem Internet groß geworden sind. Wie eingangs erwähnt, wird das Netz auch im Bereich der Pflege eine größere Rolle spielen. Neben einem offenen Geist gegenüber Technologien ist es unerlässlich, sich einem Menschen anzuvertrauen, der sich im Netz auskennt. Denn auch Google lässt sich weitaus gezielter bedienen, als wenn man nur einen einfachen Suchbegriff eingibt, beispielsweise über verschiedene Operatoren, der Verknüpfung von Suchbegriffen, oder der gezielten Suche auf Internetseiten.

In jedem Fall steht am Anfang einer Recherche das Ziel, das man verfolgt: Worüber möchte ich mich informieren? Wie genau kann ich meine Frage formulieren? Wie kann ich aufgrund meiner Zielsetzung eine Suchanfrage, beispielsweise an Google oder WolframAlpha, stellen? Welchen Einfluss haben die ersten Suchergebnisse auf meine Suchanfrage, wo muss ich anpassen? Dazu macht es Sinn, sich in spezifische Onlineportale einzulesen und relevante Newsletter zu abonnieren. Wer an nackten Zahlen interessiert ist, wird sicher nicht an entsprechenden Online-Diensten wie z. B. Statista vorbeikommen.

In meinen Augen ist es auch von Vorteil, wenn in den Pflegeeinrichtungen digitale Experten ihr Wissen teilen und beispielsweise Mitarbeiter aktiv in Datenbanken und Foren einführen, die für das Fach relevant sind. Dazu gehört auch, dass auf Kongressen der Austausch untereinander geschieht und Pflegekräfte sich untereinander stärker vernetzen – auch über Facebook-Gruppen oder Google+-Communities.

Produktivität und Gesundheit: die Internetpräsenz von Ari Meisel

Wie gehen Sie selbst an ein Rechercheprojekt heran? Nehmen wir das Beispiel Ihres Vortrags: Wie sind Sie auf die relavanten Informationen für das Thema “Digitale und vernetzte Gesundheit und Pflege” gestoßen?

Am Anfang stand das Thema meines Vortrags: “Digitale und vernetzte Gesundheit und Pflege”. Durch Vorträge auf verschiedenen Digitalkonferenzen, Pflegekongressen sowie durch persönliche Erfahrungen hatte ich bereits erste Anknüpfungspunkte. Nachdem ich eine für den Vortrag brauchbare Struktur gefunden hatte, musste ich Inhalte recherchieren. Zum einen haben mir sowohl grobe als auch fokussierte Suchen von digitalen Diensten für Pflege und Gesundheit weitergeholfen: Verschiedene Google-Suchanfragen ergänzten die Recherche in technologischen Newsportalen wie Mashable.com oder TheNextWeb.

Zum anderen konnte ich auf verschiedene Notizen, die ich in der letzten Zeit auf Konferenzen angefertigt und beim Dienst “Evernote” für mich hinterlegt hatte, zurückgreifen. Darüber bin ich beispielsweise auf verschiedene Anknüpfungspunkte im Rahmen der digitalen Selbstmessung (“Quantified Self”) gekommen, über die eigenen persönlichen Erfahrungen mit digitalen Trainingsassistenten hinaus.

Zu guter letzt ist es so, dass, wenn man einen Vortrag vorbereitet, Medien, die man sowieso schon täglich liest, aufmerksamer nach relevanten Themen abscannt. Unterschätzen darf man dabei auch nicht, was digitale Meinungsführer in sozialen Netzwerken schreiben. Ein Beispiel: Calico wurde neben TIME z. B. auch von Spiegel Online aufgegriffen. Eine entsprechende Suche nach Calico innerhalb von Google+ führte mich schnell zum Post von Larry Page, einer Quelle aus erster Hand. Ein schönes Beispiel, dass Suchanfragen nicht nur bei Suchmaschinen, sondern auch in sozialen Netzwerken wie Google+, Twitter und Facebook gute Ergebnisse hervorbringen kann. Anhand der Profilinformationen des Autors kann der Nutzer schnell herausfinden, wie glaubhaft eine Quelle ist.

In Ihrem Vortrag sprachen Sie auch über Ihr “Digitales Elternsein”. Was konnten Sie zu diesem Thema durch das Internet in Erfahrung bringen?

Einige Aspekte zum digitalen Elternsein habe ich in meinem Blog unter http://www.piatkowski.net/blog/2013/07/21/digitales-elternsein/ zusammengefasst. Darin habe ich eine Debatte aufgegriffen, die einige digitale Köpfe auf Facebook geführt haben, und daraus meine eigenen Schlüsse gezogen – natürlich auch aus eigenem Interesse als frischgebackener Vater. Es ging dabei nicht nur um digitale Helferlein, sondern auch um das ebenso wichtige Thema, wie man innerhalb der sozialen Netzwerke der Verantwortung, Eltern zu sein, gerecht wird: Ein Babybild ist schnell hochgeladen – nur welchen Zweck dient es? Welche Gefahren lauern?

Das gesamte Thema hat mich bereits während der Schwangerschaft meiner Frau begleitet, da mich interessiert hat, welche digitalen Hilfsmittel es mir ermöglichen, diese Reise besser zu verstehen. Dienste und Apps, die auf dem deutschen Markt zur Verfügung stehen, dienen in erster Linie der allgemeinen Information. Aber, wie schon im Vortrag gezeigt, ist auch hier Bewegung drin: Ich gehe davon aus, dass es in Zukunft noch mehr Angebote wie “Owlet” (www.owletcare.com), einem digitalen Babymonitor, geben wird, die den Eltern helfen können, das Neugeborene noch besser verstehen zu können. Aber: Intuition kann digital nicht ersetzt werden, ebenso nicht der gesunde Menschenverstand. Und in professionellen Händen ist man im Ernstfall immer besser aufgehoben. Aber digitale Dienste können helfen, informierter zu sein – und das kann auch Sicherheit geben.

Herr Piatkowski, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview für das Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) an der Universität Witten/Herdecke führte Marcus Klug mit Jan Piatkowski – Projektmanager in einer Kölner Internetagentur, Blogger und Experte für Social Media und digitale Informationen. Hier die Internetpräsenz von Piatkowski und weitere Kontaktmöglichkeiten: http://www.piatkowski.net/.

Das Interview führte Marcus Klug.

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

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