St. Galler Demenzkongress: Selbstmanagement mit Überraschungen

Über 1.000 Fachpersonen aus Pflege und Betreuung fanden in diesem Jahr den Weg zum St.Galler Demenz-Kongress. Der Schwerpunkt: Selbstmanagement. Dabei standen einige Überraschungen auf dem Programm: So wurden etwa wesentliche Botschaften zum Selbstmanagement von dem Ensemble “Hirntheater” aus Zürich zu einer außergewöhnlichen Bühnenperformance umarrangiert.

Der St. Galler Demenzkongress als Rückschau: Am Ende der Veranstaltung gab es eine ungewöhnliche Bühnenperformance von Teilen des Ensembles “Hirntheater” aus Zürich. Auf der Bühne im Hauptsaal waren eine Schauspielerin und ein Musiker in Aktion zu sehen – Franziska von Arb und David Schönhaus –, die das Publikum zum Mitmachen animierten. Auf eine unkonventionelle und sehr eindrückliche Art stellte das Ensemble Szenen dar, die mit dem Selbstmanagement in der Pflege von Menschen mit Demenz zusammenhängen.

Achtsamkeit spielt zum Beispiel beim Selbstmanagement eine wichtige Rolle, denn die Pflege und Versorgung von Menschen mit Demenz kann schnell an die Belastungsgrenze und darüber hinaus führen. Wer Stressempfindungen bewusster wahrnimmt, kann auch schneller gegensteuern, wenn die Körpersignale frühzeitig erkannt werden. Das Ensemble machte daraus eine kleine Übung. Das Publikum wurde dazu aufgefordert, für einige Minuten die Augen zu schließen und sich nur auf die Musik zu konzentrieren. Für einige Minuten schloss man so die Augen und hörte zunächst nur einige verhaltene Töne, bis schließlich auch einzelne Melodien zu vernehmen waren.

Selbstmanagement der Pflegenden

“Selbstmanagement in der Pflege und Begleitung von Menschen mit Demenz – Spannungsfeld zwischen Eigen- und Fremdfürsorge” war der Schwerpunkt des dritten St. Galler Demenz-Kongress am 25. November 2015. Organisiert von der Fachhochschule St. Gallen (FHS) und den Olma Messen ST. Gallen. Über 1.000 Fachpersonen und Referierende aus der Schweiz, Deutschland und Österreich nahmen Teil. Im Mittelpunkt standen die Perspektiven der Betroffenen, der pflegenden Angehörigen und der professionell Pflegenden. In den Nachmittags-Sessions wurden diese Perspektiven in Bezug auf das Selbstmanagement in der Pflege und Betreuung vertieft.

Ich selbst war als Referierender auf der Veranstaltung unterwegs. Am Nachmittag gab es verschiedene Sessions. Um 13 Uhr hielt ich den Eröffnungsvortrag mit dem Titel “Eigentlich kann ich nie abschalten” im Rahmen der Session 3: “Selbstmanagement der Pflegenden”. Die Basis zu meinem Vortrag bildete ein Buch, das ich im Auftrag des Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) an der Universität Witten/Herdecke geschrieben habe: “Und wer fragt nach mir? Selbstmanagement in der Versorgung von Menschen in der Demenz”. Außerdem gab es in meinem Vortrag auch eine Intervention. Das Publikum schloss für eine Minute die Augen und stellte sich dabei eine liegende Acht vor. Synchron zu dieser Vorstellung wurde die Acht mit den Augen gerollt. Diese minimale Intervention stammt aus dem SeKA-Programm, das verschiedene Körper-Achtsamkeitsübungen beinhaltet. Neben mir hielten die Organisationspsychologin Renata Merz, die Supervisorin Petra-Alexandra Buhl und die Pflegewissenschaftlerin Heidrun Gattinger Vorträge zum Selbstmanagement der Pflegenden, wobei die Akzente jeweils unterschiedlich ausfielen.

Zunächst lag der Fokus auf den Selbstmanagement einzelner Personen: “Wie können Pflegende für ausreichend Entlastung sorgen?” (Marcus Klug und Renata Merz), gefolgt von der Frage, wie Teams und Organisationen das eigene Management anders gestalten und dadurch die Energie besser bündeln können (Petra Alexandra-Buhl: “Hindernisse machen uns groß”). Am Ende dieser Session stellte die Pflegewissenschaftlerin Heidrun Gattinger eine Studie vor, die den Einsatz eines Mobility Monitors in der Pflege von Demenzbetroffenen untersuchte. Mit diesem Gerät werden unter anderem die Schlafaktivitäten von dementen Personen während der Nacht kontrolliert. Das Gerät soll vor allem dazu dienen, zur Entlastung der Pflegenden beizutragen. Von den Pflegenden im Publikum wurde der Einsatz und Nutzen dieses Gerätes allerdings mehrfach kritisch hinterfragt, wie sich in der Diskussion herausstellte.

Renata Merz ging in ihrem Vortrag “Auf Kurs mit Selbstmanagement” genauer auf das Zusammenspiel von Selbstkontrolle und Selbstregulation beim Selbstmanagement ein. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang sicherlich auch die PSI-Theorie von Julius Kuhl, auf die Merz verwies. PSI bedeutet “Persönlichkeits-Interaktions-Theorie”. Diese Theorie integriert neue Erkenntnisse der Motivations-, Persönlichkeits- und Neuropsychologie und beschreibt das Zusammenspiel zwischen verschiedenen Hirnfunktionen. Geist und Emotionen werden bei diesem Ansatz gleichermaßen berücksichtigt und können somit den Erfolgsfaktor beim Selbstmanagement erhöhen. Pflegende werden nicht selten als “Gefühlsarbeiter” bezeichnet und somit sind auch eher solche Selbstmanagement-Ansätze gefragt, die Emotionen stärker in die Selbstorganisation mit einbeziehen.

Petra Alexandra-Buhl fokussierte in ihrem Vortrag “Hindernisse machen uns stark” die Rolle des Teams und der Organisation. Stichwort “Resilienz”. Wie können sich Organisationen neu erfinden? Wie können sie ihre eigene Widerstandsfähigkeit auf die zukünftige Entwicklung hin verbessern? Ihr Auftakt mit Story: Ein Schiff auf hoher See in stürmischen Gewässern und ein Kapitän, der auch noch an seinem Kurs festhält, als längst der Wellengang und die Wetterverhältnisse katastrophale Züge angenommen haben. Die Geschichte stellte eine Analogie dar: Wie lauten die strategischen Antworten auf Veränderung – Bewahrung des Status Quo oder Transformation? Stellen Sie sich dabei einfach die gegenwärtige Situation von vielen Krankenhäusern und Pflegeheimen hierzulande vor: Fachkräftemangel und personelle Unterbesetzung auf der einen Seite, digitale Transformation und demografische Entwicklung auf der anderen Seite.

Ganzheitliche Orientierung: Neben Vorträgen und Diskussionen standen beim St. Galler Demenzkongress 2015 auch Bewegung und Gesang auf dem Programm.

Hinauszögern des Vergessens

Ein anderer wichtiger Impuls, der mir gut in Erinnerung geblieben ist, ist das Selbstmanagement der Demenzbetroffenen. In seinem Impuls-Referat knüpfte Thomas Beer, Dozent für Pflege und Pflegewissenschaften an der FHS St.Gallen, an Reimer Gronemeyers Aussage zum Selbstmanagement von Menschen mit Demenz an. Der Soziologe Gronemeyer hatte bereits zu Beginn der Veranstaltung, um 9:30 Uhr den Eröffnungsvortrag mit dem Titel “Demenz ist keine Krankheit – Selbstmanagement im Spannungsfeld zwischen Eigen- und Fremdfürsorge” gehalten.

“Ein Krieg gegen Demenz ist der falsche Weg. Wir sollten uns gestatten, die Demenz als Phänomen zu akzeptieren, das Teil unseres Lebens ist.” Zu unserer beschleunigten Gesellschaft passe die Demenz “wie die Faust aufs Auge”, sagte Gronemeyer und stellte einen Vergleich auf: Betroffene seien wie Flüchtlinge, die sich durch die Krankheit dem gesellschaftlichen Leistungsdruck entziehen könnten. Oder mit anderen Worten: “Menschen mit Demenz haben es geschafft, sich von einem verordneten Selbstmanagement zu befreien.”

Als Beer in seinem Impuls-Referat an Reimer Gronemeyers Aussage zum Selbstmanagement anknüpfte, setzte er einen anderen Akzent. Aus seiner Sicht hätten Demenzbetroffene sehr wohl das Bedürfnis, ihr Leben selber zu managen. “Selbstständigkeit ist vielen Betroffenen ein grosses Anliegen – und auch wichtig für die Angehörigen.” Selbstmanagement in der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz solle dazu beitragen, die soziale und persönliche Identität aufrecht zu erhalten und ein “Verlieren im Vergessen” hinauszuzögern.

Ich sehe das ähnlich. Selbstmanagement wird meiner Meinung nach viel zu häufig mit einem verordneten und stark leistungsbezogenen Ansatz verbunden, der aber im Falle von Menschen mit Demenz so nicht greift. Selbstmanagement bedeutet im Kern Identitätskonstruktion und Herausschälung von individuellen Bedürfnissen und Wertvorstellungen. Im Beruf kommen noch andere Verpflichtungen und Belastungsquellen hinzu, die das Identitätsmanagement erschweren können. Bei Menschen mit Demenz fallen diese Aspekte jedoch weg. Es geht eher darum, die persönliche Identität so lange wie möglich im Prozess des Vergessens aufrecht zu erhalten, wie auch Thomas Beer in seinem Vortrag unterstrich.

Weiterführender Link:

Die Folien zu den Präsentationen vom St. Galler Demenzkongress 2015 können unter folgendem Link heruntergeladen werden: http://www.demenzkongress.ch/home/referate/

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

 

 

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