Pioniere im Dienste der Forschung: Interview mit Christel Bienstein

Christel Bienstein – Leiterin des Departments für Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke und Trägerin des Bundesverdienstkreuz – gehörte bundesweit zu einer Gruppe von Personen, die vor über 20 Jahren dafür sorgte, dass sich die Pflegewissenschaft hierzulande als akademische Disziplin gegen massive Widerstände behaupten konnte.

In Deutschland hat es im Vergleich zu anderen Ländern lange gedauert, die Akademisierung der Pflege auf den Weg zu bringen. Ein kleine Gruppe von besonders engagierten Pionieren – zu der auch Christel Bienstein gehörte – setzte sich für das übergeordnete Ziel ein, die praktische Versorgung durch die Pflegeforschung zu ergänzen, und zwar gegen massive Widerstände. Im Interview erzählt Christel Bienstein, wie es trotzdem gelang, die Pflegewissenschaft als akademische Disziplin zu etablieren.

Frau Bienstein, Sie gehören zu den Pionierinnen der Pflegewissenschaft in Deutschland. Wie würden Sie die historische Ausgangssituation aus heutiger Sicht beschreiben?

Deutschland befand sich im Vergleich zu den anderen europäischen Staaten in einer Rolle der Letzten, denen es gelang, die Diskussion über die Akademisierung der Pflege auf den Weg zu bringen. Bereits in den 1950-er Jahren des letzten Jahrhunderts etablierte sich die Pflege an den Hochschulen in Großbritannien, dicht gefolgt von Skandinavien, den Niederlanden und den osteuropäischen Staaten (Polen, Litauen, etc.).

Bedingt durch die Mauerbegrenzung zur DDR war es für die Pflegenden des Westens in Deutschland nicht sichtbar, dass bereits in Berlin und Magdeburg Studiengänge (Medizinpflegepädagogik) für Pflegende an den Hochschulen entstanden waren.

Das Institut für Pflegewissenschaft, heute Department für Pflegewissenschaft, wurde 1995 an der Universität Witten/Herdecke gegründet. Das Department hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Pflegewissenschaft im univer­sitären Kontext zu entfalten und einen Beitrag zur besseren Versorgung pflegebe­dürftiger Menschen zu leisten.

Besonders unter den Berufsverbänden, die zu dieser Zeit Fortbildungsakademien betrieben (DBfK in Frankfurt und Essen, Caritas in Regensburg, Köln und Freiburg), wurde die Forderung immer lauter, Lehrende und leitende Personen in der Pflege hochschulisch zu qualifizieren.

Es gab Gegenwind, dieses besonders von den Ärzten, die sich durch eine Akademisierung von Teilen der Pflegenden bedroht sahen, ebenso auch von der Gewerkschaft, die eine Akademisierung für nicht notwendig erachteten.

Von einer kleine Gruppe von Pflegenden, die sich alle im Ausland oder im Inland in verschiedenen Studiengängen qualifiziert hatten (Soziologie, Psychologie, Geschichtswissenschaft, Pädagogik), ging ein ständiger Druck auf die Politik und die Hochschulen aus, Pflegenden ein Studium zu ermöglichen. Hierzu wurden die Erfahrungen des Auslandes einbezogen (zum Beispiel aus Großbritannien, Schweden und den Niederlanden).

Eine Gruppe von wenigen Personen, wie unter anderem Renate Reimann (Leiterin des Bildungszentrums des DBfK in Essen), Antje Grauhan (Leiterin des ersten Studiengangs an der FU Berlin) übten zunehmenden Druck durch Publikationen, Durchführung erster Forschungsseminare und strategische Überzeugungsarbeit in ihren Verbänden aus.

Ein Beschluss zur “Auflösung der Weiterbildungen im Bereich Lehre und Management Pflege” durch die Leiterinnen der Weiterbildungsinstitute führte dazu, dass die großen Organisationen der Wohlfahrtspflege sich dieser Forderung anschlossen.

Bundesweit waren es maximal 12 Personen, die über ein Studium nach der Pflegeausbildung verfügten. Ich gehörte dazu. Wir konnten helfen, die Ängste vor einer Akademisierung der Pflege zu reduzieren. In einer großen Protestaktion (in Dortmund, an der 28.000 Pflegende aus dem gesamten Bundesgebiet teilnahmen), die primär eine bessere Personalausstattung in der professionellen Pflege forderte, konnte auch die Forderung nach der Öffnung der Hochschulen für die Pflege integriert werden. Ich weiß noch heute, wo ich damals stand und was ich gefordert habe.

Ein frühes Schwarzweißfoto aus der Geschichte des Departments für Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke. Christel Bienstein sitzt in der ersten Reihe auf der linken Seite.

Ein erster Studiengang für Lehrende der Pflege startete dann an der FU in Berlin unter der Leitung von A. Grauhan. Dieser Studiengang konnte nur einmal durchgeführt werden. Spätere Recherchen ergaben, dass die Pflegenden diesen zum Zusammenbruch brachten, da sie selbst noch nicht von der Akademisierung einiger ihrer Berufsangehörigen überzeugt waren.

In der Folge waren die ersten Hochschulen bereit, sogenannte Weiterbildungsangebote für Pflegende auf den Weg zu bringen (etwa Gesamthochschule Essen für Lehrende). Einzelne Hochschullehrer setzten sich zunehmend an verschiedenen Hochschulen für die Akademisierung der Pflegenden ein (unter anderem Prof. R. Krisam, Universität Essen, Prof. Semrau, Fachhochschule Osnabrück).

Es war ein Glück, dass die Pflege zunehmend Unterstützung erhielt. Die erste Hochschule öffnete sich getrieben von den Hochschullehrern in der Hochschule. Im Frühjahr 1990 richtete die Fachhochschule Osnabrück die erste Professur für Pflege ein, berufen wurde Prof. Dr. Ruth Schröck. Ich hatte die Ehre, sie am Flughafen in Düsseldorf abzuholen und zu der großen Feier ins Bildungszentrum Essen zu bringen.

Ab da ging es Schlag auf Schlag, die katholische Fachhochschule Osnabrück, Bochum, Frankfurt, Darmstadt richteten Studiengänge ein.

Witten war schon 1979 auf dem Weg. Aber erst 1994 wurde der Auftrag an mich erteilt, für die Universität Witten/Herdecke einen Studiengang zu konzipieren.

Fazit: Es war eine Kraftaktion die Pflege an die Hochschulen zu bringen, es hat sich gelohnt. Heute existieren mehr als 100 Studiengänge an verschiedenen Hochschulen, davon an fünf Universitäten.

Am 3. Juni 2016 feierte die Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke ihren 20. Geburtstag. Neben Christel Bienstein war auch Konrad Schily mit von der Partie.

Welche Rolle spielte die Universität Witten/Herdecke?

Schon früh hatte sich die noch nicht gegründete Universität Witten/Herdecke im Bildungszentrum des DBfK in Essen gemeldet, mit der Bitte, einen Studiengang Pflege für die erste geplante private Universität in Deutschland zu entwickeln. Dieser Aufgabe gingen R. Reimann und ich nach. Weitere Gespräche folgten. Dr. Kienle verstarb plötzlich und der Gründungspräsident – Dr. Konrad Schily delegierte die Aufgabe des Pflegestudiengangs an eine Pflegende, die dem DBfK nicht gesonnen war. Also blieb alles liegen.

Erst 1993 nahm ich wieder Kontakt zu Konrad Schily auf, der mich dann bat den Pflegestudiengang zu entwickeln. Dieser Aufforderung bin ich gerne gefolgt, wusste ich doch, dass ich all die Ideen, die wir von einem Studiengang für die Pflege hatten, hier realisieren konnten. Mit mir im Boot waren Irma Schmincke, Ralf Siegel und Angelika Zegelin – die Entwicklung des Studiengangs erfolgte über zwei Jahre – ehrenamtlich. So war das damals.

Zwischen Forschung und Praxis

Ein besonderes Anliegen lag immer auch auf den praktischen Bezug der Pflegewissenschaft. Publikationen waren dementsprechend nicht nur an Forscher und Forscherinnen gerichtet, sondern auch an professionell Pflegende und Führungskräfte, die solche Fachzeitschriften wie unter anderem “Die Schwester/Der Pfleger” lesen. Ist diese Doppelstrategie auch heute noch von Relevanz, was das Publizieren von Beiträgen anbelangt? Wie würden Sie das beschreiben?

Es war uns allen von Beginn an wichtig, dass nicht nur die wissenschaftlichen Journale bedient wurden, da kaum eine Pflegende diese lesen würde. Daher haben wir immer in den Journalen publiziert, die von den Pflegenden in der Praxis gelesen und wahrgenommen wurden. So entstand auch die Idee der “Uni on Tour”. Diese Aktion brachte die WissenschaftlerInnen in die abgelegenen Regionen in Deutschland, um dort den Pflegenden von unseren neuen Ergebnissen zur berichten. Darüber hinaus wurden mit verschiedenen Gesundheitseinrichtungen Kooperationsverträge abgeschlossen, mit dem Ziel, dass unser Studierenden schnell einen Feldzugang erhalten konnten und wir die Probleme und Fragestellungen der Praxis aufgreifen konnten.

Diese hat sich bewährt – auch wenn in den 20 Jahren Veränderungsprozesse vorgenommen werden mussten.

Hat das Thema Demenz die Entwicklung der Pflegewissenschaft hierzulande befördert?

Zu Beginn des Departments spielte die Demenz eine untergeordnete Rolle. Im Verlauf wurde aber immer deutlicher, dass wir diesen Menschen ein besonderes Augenmerk einräumen müssen. Studieninhalte, Bachelor- und Masterarbeiten und auch zunehmend Promotionen nahmen sich dieses Schwerpunktes an.

Wie sehen Sie die Zukunft des Departments? Gibt es dabei bestimmte Schwerpunkte, die sich bereits abzeichnen?

Ich wünsche mir, dass wir weiterhin besonders der Familienorientierten Pflege unsere Aufmerksamkeit widmen. Daneben müssen jedoch auch der Versorgung akut erkrankter Menschen mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden, da diese keine Hochschule in Deutschland wahrnimmt.

Frau Bienstein, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Marcus Klug. Siehe zum Thema “Pioniere der Pflegewissenschaft” auch folgendes Video-Interview mit Christel Bienstein.

bienstein

Prof. Christel Bienstein leitet seit 1994 das Department für Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke. Für ihre Verdienste um die Pflegewissenschaft wurde Bienstein im Juni 2004 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Kontakt: Christel.Bienstein@uni-wh.de.

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

Kommentar verfassen