Klassiker neu gelesen: Das Konzept der Bindungstheorie

Das Vertrauen in andere Menschen stärkt auch das Vertrauen in die eigene Person. Dies gilt nicht nur für die Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen, sondern auch für Menschen mit Demenz. Deshalb sollten wir schon frühzeitig damit beginnen, uns intensiver mit dem Thema Bindung zu beschäftigen, so Wilhelm Stuhlmann in seinem Buch “Demenz – wie man Bindung und Biographie einsetzt”.

Können sie sich noch daran erinnern, wie Sie Ihre Kindheit verbracht haben? Fühlten Sie sich Ihrem Vater oder eher Ihrer Mutter näher? Meinen Sie, dass die Erfahrungen, die Sie mit Ihren Eltern gemacht haben, Ihre Persönlichkeit beeinflusst haben?

Die eigenen Beziehungen dokumentarisch aufarbeiten

Es muss in etwa vor zwei Jahren gewesen sein, als ich auf die Idee gekommen bin, einen Dokumentarfilm über meine Familie zu drehen. Ich bin jetzt 39 Jahre alt und lebe seit 10 Jahren in einer festen Beziehung. Kinder haben wir keine. Aber meine Mutter lebt noch, mein Vater dagegen nicht. Auch zu meiner Tante und zu meinem Onkel habe ich noch regen Kontakt, wenn auch nicht mehr so oft, wie das früher einmal der Fall gewesen ist. Und dann gibt es noch eine Tante und einen Onkel in Luxemburg, mit einer Tochter und zwei Söhnen. Diesen Part meiner Familie habe ich erst im letzten Jahr besucht und zum Teil auch mit meiner Kamera interviewt.

Das Konzept: Jede Person wird an einem Ort besucht, zu der sie ein besonders Verhältnis hat. Mein Onkel liebt beispielsweise Tiere und geht gerne in den Zoo. Also werde ich ihn auch dort interviewen, vielleicht an einem sonnigen Tag in der Nähe der Elefanten. Mein Dokumentarfilm ist noch nicht ganz abgeschlossen.

“Zur Förderung sicherer Bindungsanteile ist die Fähigkeit der Bezugsperson wichtig, eine ganze Spanne von positiven und negativen Emotionen und Motivationen wahrnehmen und akzeptieren zu können.” Wilhelm Stuhlmann

In diesem Film geht es um Beziehungen. Jede Person bekommt von mir Fragen zu einer anderen Person aus der Familie gestellt und in der Gegenüberstellung der einzelnen filmischen Episoden ergibt sich ein Beziehungsgeflecht, das hoffentlich auch einige Überraschungen in sich birgt. Am Ende hat dann jeder einen Film. Und wenn meine Mutter einmal tot ist, oder meine Tante, mein Onkel oder wer auch immer aus meiner Familie, bleibt die Erinnerung und diese Bildsequenzen.

Ich habe mir vorab wirklich viele Gedanken zu den Fragen gemacht, die ich den einzelnen Mitgliedern meiner Familie stellen möchte. Und erst jetzt bemerke ich, dass es bei all diesen Fragen um Muster geht. Wie verhalten wir uns eigentlich gegenüber all den Menschen, die uns umgeben? Welches Verhältnis haben wir zu diesen Menschen? Sind das eher engere oder losere Verbindungen? Wie drückt sich das in unserem Verhalten aus? Und was hat das mit uns und unserer Biographie zu tun?

Der berühmte Künstler Dali erscheint behütet; vor allem zu seiner Mutter hatte er ein inniges Verhältnis.

Verschiedene Bindungstypen

Als ich das Buch “Demenz – wie man Bindung und Biographie einsetzt” von Wilhelm Stuhlmann las und mich ausgiebiger mit verschiedenen Bindungstheorien befasste, insbesondere mit der Theorie von John Bowlby, auf die auch Stuhlmann in seinem Buch ausgiebiger eingeht, wurde mir wirklich klar, wie wichtig es ist, sich schon recht frühzeitig intensiver mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Art von Bindungstyp man eigentlich selber ist.

Auf das Alter bezogen, bedeutet das, sich schon viel frühzeitiger mit Bindungsfragen ausgiebiger zu beschäftigen. Stuhlmann schreibt dazu in seinem Buch: “Die Frage im Alter heißt deshalb nicht mehr: Was habe ich zu erwarten? Worauf muss ich mich einstellen? Sondern: Wie gestalte ich meine Lebensbedingungen rechtzeitig und möglichst entsprechend meinen Vorstellungen?”.

Der sichere Bindungstyp

Das Vertrauen in die ersten Bezugspersonen stärkt auch das Vertrauen in die eigene Person. In der Frühphase ist hier vor allem der Kontakt zu Mutter und Vater von großer Bedeutung. Aber auch andere Bezugspersonen kommen im Laufe unseres Lebens hinzu. Schließlich spielt auch in der Pflege der engere Bezug zu bestimmten Personen eine wichtige Rolle, da stärkere Bindungen mehr Orientierung und Sicherheit geben als häufiger wechselnde, stark fluktuierende Beziehungen. Davon profitieren gerade auch Menschen mit Demenz.

Der unsichere Bindungstyp

Der unsichere Bindungsstil zeigt mehrere Varianten in der Entwicklung auf, je nachdem, welche Erfahrungen mit Nähe und Distanz in der Kindheit gemacht worden sind.

Der unsicher-vermeidende Bindungstyp

In der Pflege von Menschen mit Demenz wäre eine Person denkbar, die sehr sachkompetent erscheinen will und häufig vorgibt, “alles im Griff” zu haben. Die Person betont die Autonomie des Kranken, vermeidet aber bewusst engeren emotionalen Kontakt. Aus diesem Verhalten kann wiederum ein Problem resultieren, wenn der Kranke auf anderer Ebene seine Suche nach Bindung kompensiert, auf die nicht ausreichend eingegangen wird. Denkbar wären beispielsweise häufiger auftretendes Schreien und Rufen.

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Stalin war dagegen von einem tiefen Mißtrauen gegenüber seiner Umwelt durchzogen und ein zutiefst unsicherer Bindungstyp.

Der unsicher-ambivalente Bindungstyp

Die Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz ist bei diesem Bindungstyp durch Widersprüchlichkeit gekennzeichnet. Wäre die pflegende Person eine sehr ängstliche Person, so wäre beispielsweise denkbar, dass sie bei Angst und Unsicherheit im Kontakt zum Klienten ihr Bindungsverhalten durch anklammerndes bzw. überfürsorgliches Verhalten verstärkt. Somit werden Bindungsbedürfnisse und bindungssuchendes Verhalten der Pflegebedürftigen mit Überbehütung und Kontrolle zugedeckt.

Bindungsverhalten kann aber auch etwas mit Macht zu tun haben. So werden beispielsweise in stark reglementierten Heimen, Überbehütung und Kontrolle durch die Institution gefördert, um eine Anpassung an die Abläufe einer Einrichtung zu erzwingen.

Stuhlmann schreibt dazu: “Die Bewohner werden passiv, brav, affektiv verarmt und angepasst. Sie folgen den starren Regeln, regredieren (bedeutet “zurückfallen”; Anm. der Redaktion), betteln um kleine Vergünstigungen und freuen sich über die begrenzte Anerkennung, die für die Rolle als `gute Bewohner´ abfällt. Zugleich vermitteln sie in ihrer Hilflosigkeit und Passivität den Helfern ein Gefühl von Unentbehrlichkeit (und Macht).”

Der desorganisierte/desorientierte Bindungstyp

Hierbei handelt es sich um eine extremere Form von Bindungserfahrung, die diesen Typen charakterisiert. Bei Kindern können mit diesem Bindungstypen etwa schwere traumatische Erlebnisse verbunden sein, etwa Misshandlungen oder Missbrauch durch einen Elternteil. Denkbar wären bei Menschen mit Demenz auch traumatische Kriegserfahrungen.

Bindung und Ressourcen

Im Buch von Stuhlmann gibt es im Anhang einen Gesprächsleitfaden. Stellen sich dabei vor, sie würden gerade selber einen Film über Ihre Eltern drehen und dabei unter anderem folgende Fragen stellen: “Lieber Vater, kannst Du Dich noch gut an Deine Kindheit erinnern? Fühltest Du Dich bei Deinen Eltern geborgen? Hast Du bereits in der Kindheit einen wichtigen Menschen verloren?”.

Derartige Erfahrungen prägen uns. Die ersten grundlegend wichtigen inneren Bindungsmuster entwickeln sich in den ersten beiden Lebensjahren. Das Kind sucht die Nähe der Mutter. Nimmt häufig Blickkontakt auf. Erlebt Stress bei Trennung und fühlt sich wohl bei der Rückkehr der Mutter.

Dabei ist vor allem auch die innere Vorstellung von Bindungspersonen von elementarer Bedeutung: Wie erlebt das Kind den Kontakt zur Mutter, ist dieser von Sicherheit oder eher von Unsicherheit geprägt, wie drückt sich das im Blickkontakt aus, in Berührungen und im Verhalten der Mutter? Wie steht es um das Bindungsverhalten der Mutter? War sie über längere Zeit erschöpft, krank oder mit Ihrer Lebenssituation überfordert? Oder ist die Beziehung zwischen Kind und Mutter durch die grundsätzliche Erfahrung unbedingten Vertrauens in die Umwelt und in die eigenen Fähigkeiten geprägt?

“Ein relativ neuer Aspekt ist, Bindung und Bindungsverhalten als Ressource zu sehen, und in der Versorgung und Pflege von Personen mit Demenz nutzbar zu machen. Bindung wird dabei als stabile und emotional bedeutungsvolle Beziehung zu versorgenden Personen gesehen.” Wilhelm Stuhlmann

Wir können diese Beziehung auch auf andere Lebenssituationen und -phasen übertragen; auch wenn der Bezug zur Umwelt und das Urvertrauen vor allem in der Kindheit und Jugendzeit geprägt werden. Dennoch ist diese innere Verankerung, was die Bindung anbelangt, nicht als statisch zu betrachten.

Auf die Pflege von Menschen mit Demenz bezogen, bedeutet das: “Die Erkenntnisse aus der Bindungsforschung können helfen, die Veränderung und Anpassungsprozesse in Beziehungen zu verstehen und die Bürde der Demenz für den Kranken, ebenso wie für den Pflegenden zu erleichtern.”.

Der entscheidende Punkt ist für mich in dem Buch von Stuhlmann aber folgender: Wenn wir uns intensiver mit der Art und Weise beschäftigen, wie wir Bindungen eingehen, und wie wir diese als Kind oder Jugendlicher erlebt haben, können wir auch bewusster mit Problemen und Konflikten im Laufe unseres Lebens umgehen.

So hat die Bindungsforschung beispielsweise gezeigt, dass der “sichere Bindungstyp” produktiver mit negativen Erfahrungen wie Angst, Bedrohung, Krankheit und Verlust umgeht, wenn er grundsätzlich über mehr Zuversicht und Vertrauen im Kontakt mit der Umwelt verfügt.

Entscheidend ist dabei auch die Ressourcenfrage. Und gerade dieser Aspekt stimmt mich positiv. Denn auch wenn wir vielleicht eine schwere Kindheit gehabt haben, was unsere Bindungserfahrungen anbelangt, so können wir im Laufe eines Lebens trotzdem lernen, mehr Souveränität in unserem Bindungsverhalten zu entwickeln.

Stuhlmann kommt vor diesem Hintergrund in seinem Buch auf verschiedene Ressourcen zu sprechen:

Sozio-biographische Ressourcen

  • Alter
  • soziales (auch familiäres) Beziehungsnetz
  • Wohnverhältnisse
  • materielle Gegebenheiten (Armut – Wohlstand)

Psychische Ressourcen

  • Gedächtnis
  • Intelligenz
  • Bildung
  • Freizeitverhalten

Körperliche Ressourcen

  • durchgemachte Erkrankungen
  • Behinderungen oder Funktionseinschränkungen – angeboren oder erworben
  • körperliche Belastbarkeit und Ausdauer
  • Gesundheitsverhalten: Umgang mit Ernährung, körperliche Aktivitäten, Rauchen, Medikamente

Fazit

Wer Menschen mit Demenz pflegt und sich ausgiebiger mit Bindungskonzepten befasst, lernt viel über sich selbst und andere Menschen. Jeder von uns kennt solche Situationen, in denen wir das Verhalten unserer Mitmenschen nicht wirklich verstehen. Wenn wir aber genauer wissen, mit welchen Bindungstypen wir es zu tun haben, können wir Beziehungen vielleicht auch anders gestalten.

Das Buch “Demenz – wie man Bindung und Biographie einsetzt” von Wilhelm Stuhlmann ist 2012 in der zweiten Auflage erschienen. Hier der Link zum Buch.

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

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