Stimmen aus der Praxis: Die Arbeit als Clown

Die Arbeit von Petra Schliebitz ist ungewöhnlich. Um Demenzkranke positiv zu stimulieren, schlüpft Schliebitz in die Rolle des Clowns Augusta. Marcus Klug führte mit ihr ein Interview. Was kann der Clown sehen, was professionelle Helfer im Versorgungsalltag so nicht sehen können?

Liebe Leserinnen, liebe Leser. Seit längerer Zeit beobachte ich Ihr reges Engagement in unseren sozialen Kanälen. Viele von Ihnen haben sicherlich schon einige außergewöhnliche Momente in der Pflege von Menschen mit Demenz erlebt. Auch interessiert uns, wie Sie all die Herausforderungen meistern, die uns im Alltag in der Pflege begegnen und mit welchem Engagement Sie Ihre Arbeit betreiben. Als ich neulich die Kommentare von Petra Schliebitz auf Facebook zu einem Artikel zum Schwerpunkt Selbstmotivation las und darauf reagierte, kam mir eine Idee. Wie wäre es mit einer neuen Reihe auf diesem Blog, in der Ihr persönliches Engagement und Ihre praktischen Erfahrungen in der Arbeit mit Menschen mit Demenz im Mittelpunkt stehen? Dies ist das erste Interview in dieser neuen Reihe: “Stimmen aus der Praxis”. Petra Schliebitz, die als Clown Augusta arbeitet, erzählt von ihren persönlichen Erfahrungen.

Frau Schliebitz, um Demenzkranke positiv zu stimulieren, schlüpfen Sie in die Rolle des Clowns Augusta. Was sieht der Clown, was professionelle Helfer im Versorgungsalltag so nicht sehen können? Welche andere Perspektive wird mit der Arbeit des Clowns eröffnet? 

Bevor ich in die Rolle des Clowns Augusta schlüpfte, habe ich zunächst drei Jahre lang hauptberuflich in der sozialen Betreuung für demenziell veränderte Menschen in den unterschiedlichsten Pflegeeinrichtungen gearbeitet. In dieser Zeit war ich für die Beschäftigung einzelner Bewohner zuständig. Ich habe diese Zeit immer als sehr mühselig und unausgefüllt empfunden. Zeitweise kam ich mir so vor, als wäre ich in eine Art Erzieherrolle geschlüpft. In dem Sinne, dass mir vor jeder Begegnung mit meinem Klientel klar war, dass ich etwas erreichen musste. Es galt mir selber Zielpunkte zu setzen.

Ganz anders sieht es aus, wenn ich in meine Clown-Figur Augusta schlüpfe. Da habe ich kein Ziel, das ich erreichen muss. Sondern, hier habe ich nur eine Absicht. Es ist die Absicht, einfach da zu sein, mich auf die gleiche Augenhöhe wie meine Klienten zu begeben, oder vielleicht noch etwas mehr “unwissend” zu werden. Ich mache mich leer von meinen Erwartungen, um die Impulse, die ich von meinem Gegenüber bekomme, besser aufnehmen zu können und damit zu spielen.

“Ich bin jedes Mal selber total erstaunt, was Augusta kann und Petra nicht möglich ist.”

Ich hatte lange Zeit eine Frau begleiten dürfen. Als ich sie kennenlernte, war sie 97 Jahre alt. Jedes Mal, wenn sie mich sah, nahm sie mich bei der Hand und erzählte mir, dass heute Mittag ihre Eltern zu Besuch kämen und einen Kuchen mitbrächten. Ich wartete dann mit ihr zusammen auf den Kuchen und auf ihre Eltern und tauchte mit in ihre Zeit ab. Das war so kein Tun als ob. Nein, in dem Moment war es wirklich wahr, nach ungefähr 15 Minuten lösten wir uns voneinander und sie ging wieder entspannt zurück zu ihrem Sessel. Und diese Entspannung hielt immer sehr lange für Sie an, wie mir später zurückgemeldet wurde.

Sie sind als Clown auch in Krankenhäusern unterwegs. Die Arbeit im Krankenhaus wird hierzulande häufig mit viel Stress und personeller Unterbesetzung assoziiert. Wie erleben Sie das als Clown?

Zu Anfang des Jahres musste ich selber als Patient für etwa eine Woche zwecks Untersuchungen ins Klinikum. Natürlich war für mich die Zeit vor dem baldigen Aufenthalt nicht gerade mit freudiger Erwartung verbunden, sondern mit Nervosität. Meine Vorbereitungen sahen dann unter anderem so aus, dass ich mir einen kleinen Koffer mit Clowns Nasen packte, um diese dann während meines Aufenthaltes im Klinikum an alle zu verteilen, mit den ich in irgendeiner Weise in Kontakt  kam. So hatte ich es dann auch umgesetzt. Von Mitpatienten und Reinigungskräften bis hin zu Pflegenden und Oberärzten wurden alle mit roten Nasen versorgt. Selbst Mitarbeiter, die ich noch nicht getroffen hatte, kamen in mein Zimmer und baten auch um eine Nase für sich. Ich hatte sofort das Gefühl, dass eine entspanntere Atmosphäre für beide Seiten entstand. Zum Abschlussgespräch hat sich der Oberarzt sogar die Nase aufgesetzt und mit mir meine “Lage” besprochen.

Natürlich ist die Situation im Krankenhaus für alle Beteiligten nicht immer die einfachste. Doch ich versuche in meiner Arbeit in den Kliniken für die Anwesenden Momente der Entspannung  zu ermöglichen.

Besondere Erlebnisse

Ein wichtiger Aspekt in der Arbeit von professionellen Helfern ist die Selbstmotivation. Es gibt viele Herausforderungen und Hindernisse in der täglichen Arbeit zu überwinden, etwa in der Pflege und Versorgung von Menschen mit Demenz. Wie betrachten Sie das persönlich?

Es schwierig, diese Frage klar zu beantworten. Für mich sind vor allem auch die kleinen Momente des Alltags von größerer Bedeutung, wenn es um die Motivation geht. Ich freue mich beispielsweise auf den Augenblick, wenn ich zu Hause aus dem Fenster schaue und es regnet. Dann freue ich mich, dass ich heute schnell zur Arbeit fahren kann, da kaum Fußgänger oder Radfahrer unterwegs sind. Und wenn ich auf der Arbeit bin, freue ich mich auf die Begegnungen, die ich haben werde.

Ich schalte auf der Arbeit vollkommen jegliche Vergangenheits- und Zukunftsthemen aus meinem Bewusstsein aus und lebe im Augenblick. Und diese Augenblicke sind für mich immer sehr positiv. Da ich als Clown Augusta in einer Sonderposition bin und kein Ziele habe, die ich am Ende meiner Arbeit erreicht haben muss, bin ich immer tiefenentspannt und lebe den Augenblick.

Sie haben einmal ein Zirkusprojekt in einer Reha-Klinik für Kinder und Jugendliche geleitet und dabei ein Schlüsselerlebnis gehabt. Was war das Schlüsselerlebnis?

Ja, an diese Zeit denke ich immer wieder gerne. Das ist auch schon wieder fünf Jahre her. Diese Einrichtung, die jedes Jahr in den Sommermonaten stattfindet, befindet sich in der Nähe vom Bodensee und beherbergt Kinder und Jugendliche bis zum 24. Lebensjahr. Die Aufenthaltsdauer der Kinder und Jugendlichen ist immer sehr unterschiedlich. Eine Dauer von mehreren Monaten ist dabei keine Seltenheit.

Ich durfte ein fünfwöchiges Training in Jonglage, Pantomime und in der Clownerie an die Jugendlichen vermitteln, die in der Zeit ihres Therapieaufenthaltes auch ihre Stärken kennen lernen und vertiefen sollten.

“Da ich als Clown Augusta in einer Sonderposition bin und kein Ziele habe, die ich am Ende meiner Arbeit erreicht haben muss, bin ich immer tiefenentspannt und lebe den Augenblick.”

Ein Jugendlicher ist mir dabei noch sehr stark in der Erinnerung geblieben. Er war zu dem damaligen Zeitpunkt 18 Jahre alt und war schon seit etwa zehn Monaten in der Reha. Er konnte in der Zeit seines Aufenthaltes alle Fähigkeiten zurückerlangen. Es lagen nur noch kleinere Schwierigkeiten vor. Doch er war auf dem besten Weg. Er hatte in der Zeit von fünf Wochen Diabolo spielen gelernt, was er nach eigener Aussage noch nie vorher gespielt hatte. An dem Tag der Abschluss-Aufführung zeigte er sein Können und alle Anwesenden in der Manege weinten vor Freude für und mit ihm. Da dieser junge Mann innerhalb kürzester Zeit etwas gelernt hat, was ihm so schnell keiner nachmachen konnte.

Das war das Erlebnis für mich, wo es klick machte bei mir.

Ziel Ihrer Arbeit ist es, Menschen mit Demenz zumindest für eine gewisse Zeit wieder Zugang zu Ihrer Umwelt zu vermitteln. Wie schaffen Sie das? Welche Erfahrungen konnten Sie bis dato in diesem Anliegen sammeln? Gab es dabei besondere Momente und Situationen, an die Sie sich noch besonders gut erinnern können?

Vielleicht sollte ich am Anfang der Antwort erst einmal klarstellen, dass ich nicht erwarte, wichtige Informationen von der betreffenden Person zu erhalten. Sondern, es geht vielmehr darum, das Gefühl zu vermitteln: “Hey ich bin da, um mich mit Dir in deiner Kommunikationsform auszutauschen, in Kontakt zu treten.” Erst wenn ich innerlich wirklich dazu bereit bin, mich als Person komplett in den Hintergrund zu stellen und mich für die Impulse meines Gegenübers vollkommen öffne, ohne Vorbehalte, gelingt es mir als Clown das Ja zu sagen, das Ja im übertragenen Sinne. Erst dann kann eine wirkliche Kommunikation stattfinden. Wenn ich aber eine Frage, einen Blick oder eine Bewegung des kleinen Fingers nicht wahrnehme oder ablehne, dann kann keine Kommunikation stattfinden. Dann habe ich auch keine Chance mehr, den “Faden” neu aufzunehmen.

Ich bin unter anderem auch in einem Kinderheim für mehrfach schwerbehinderte Kinder und Jugendliche unterwegs, die seit ihrer Geburt nicht dazu in der Lage sind, sich zu bewegen. Dort ist inzwischen ein Spiel zwischen uns entstanden. Die Kinder und Jugendliche machen die unterschiedlichsten Töne und Geräusche und ich versuche diese nachzumachen. Es gelingt mir äußerst selten, dass ich die Klänge genauso nachmachen kann. Und es ist für mich eine echte Freude mitzuerleben, dass sie erkennen: “Hey ich kann ja etwas, was jemand anders so nicht kann!“

Ein anderes Erlebnis war das Zusammentreffen mit einem 90-jährigen Herrn. Immer wenn er mich als Privatperson sah, merkte ich, er will mir etwas sagen. Das funktionierte aber nicht mehr. Er fand seine Worte nicht. Als ich ihm dann als Augusta gegenüberstand, strahlte er mich an, nahm mich bei der Hand und konnte dann ganz normal sprechen. Irgendwann kam dann wieder die Zeit, dass ich mich umkleiden musste. Und als ich ihm dann wieder als Petra gegenüberstand, fand er seine Worte nicht mehr.

Ich bin jedes Mal selber total erstaunt, was Augusta kann und Petra nicht möglich ist.

Frau Schliebitz, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Marcus Klug. Besuchen Sie auch den Internetauftritt von Petra Schliebitz unter www.demenz-clown.de.

Clown Augusta

Petra Schliebitz hat bereits eine Vielzahl unterschiedlichster Berufe und Ausbildungen absolviert, etwa eine Ausbildung als Alltagsbegleiterin für Menschen mit Demenz. Seit ungefähr vier Jahren ist Schliebitz als Clown Augusta unterwegs.

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

Kommentar verfassen