Soziale Medien als Vermittler: Über Erinnerungen und elektronische Bücher

Über Erinnerungen rückt die ganze Person mit ihren Empfindungen und äußeren Umständen in den Blickpunkt. Aufgearbeitete Erinnerungen bilden in der professionellen Pflege einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis von Verhaltensweisen, Handlungen und Reaktionen, die nicht immer leicht zu deuten sind – gerade im Umgang mit demenzerkrankten Personen. Elektronische Bücher, in denen Erinnerungen in Form von Briefen, Fotos, Videos und Musik festgehalten werden, können dabei helfen, einen ersten Zugang zur Biografie von demenzerkrankten Personen zu schaffen.

Den Computer wie eine Art von Buch nutzen

„Wenn ich mich frage, was der Vater für ein Mensch ist, passt er manchmal ganz leicht in ein Schema. Dann wiederum zerbricht er in die vielen Gestalten, die er im Laufe seines Lebens anderen und mir gegenüber eingenommen hat.“ (Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil, S. 185)

Als ich vor ein paar Wochen den ersten Beitrag zu dieser Serie veröffentlichte – “Soziale Medien in der Vermittlungspraxis: Eine Einführung am Beispiel der Demenzforschung” – kommentierte ein gewisser Herr Fickelscheer meinen Beitrag. Ich erfuhr, dass er sich schon seit längerer Zeit mit der Beziehung zwischen Demenz und Erinnerungen befasste. Als besonders bemerkenswert empfand ich dabei seinen Hinweis, dass alte Menschen nur sehr bedingt computeraffin sind und es daher Sinn machen würde, den Computer wie eine Art von Buch zu nutzen.

Ein Computer ist oft schwierig für ältere Menschen zu bedienen. Außerdem kommt hinzu, wenn wir nicht gerade von Laptops oder Tablet-PCs sprechen, dass der Computer an einen festen Platz gebunden ist. Der wichtigste Einwand in der Nutzung von Computern und in der Möglichkeit, auf unterschiedliche Medien wie Fotos, Videos und Musik zurückzugreifen – und zwar in der Form von elektronischen Erinnerungsbüchern – kommt indes aus der Lernpsychologie.

„Ich schalte den CD-Player an. Helga, meine Schwester, hat für solche Zwecke eine Sammlung mit Volksliedern gekauft. Hoch auf dem gelben Wagen. – Zogen einst fünf wilde Schwäne. Oft funktioniert der Trick. Wir trällern eine halbe Stunde, der alte Mann legt sich zwischendurch so sehr ins Zeug, dass ich lachen muss.” (Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil, S. 14)

Die Theorie der kognitiven Belastung

Der australische Psychologe John Sweller beschäftigt seit vielen Jahren mit der Frage, wie Informationen auf eine Art verarbeitet werden können, die nicht zu einer übermäßigen kognitiven Belastung führt. Daraus ist die Theorie der kognitiven Belastung entstanden, deren wichtigste Erkenntnisse in zahlreichen internationalen Studien empirisch belegt worden sind.

Bei der „Theorie der kognitiven Belastung“ geht es im Wesentlichen um Zusammenhänge zwischen dem Arbeits- und dem Langzeitgedächtnis. Während der Verarbeitung von Informationen werden kognitive Ressourcen im Arbeitsgedächtnis beansprucht. Da die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses aber sehr begrenzt ist, kann das Aufnehmen von neuen Informationen schnell zu einer kognitiven Überforderung führen, wenn man sich im Vorfeld nicht ausreichend darüber Gedanken macht, auf welche Weise und in welcher Anzahl Informationen kommuniziert, vermittelt und gestaltet werden sollen. Die Funktion von Lernen besteht demnach nicht nur in der Aufnahme und Speicherung von Informationen, sondern auch in der Entlastung des Arbeitsgedächtnisses.

Menschen mit Demenz fällt es zunehmend schwerer, neue Informationen aufzunehmen und zu filtern. Dagegen erinnern sie sich aber meistens noch gut an ältere Erlebnisse und zurückliegende Ereignisse, die vor Ausbruch der Erkrankung stattgefunden haben. Da jede Information quasi als gleich wichtig bewertet wird, kommt es schnell zu einer unglaublichen Reizüberflutung, da alle neuen Eindrücke – ob Geräusche, Bilder, Gerüche oder Gefühle – mit gleicher Wichtigkeit und Intensität in das Gehirn einströmen.

Beschränkung und Intuition: Über den Umgang mit elektronischen Büchern

Wenn Erinnerungen in der Form von elektronischen Büchern verarbeitet werden und dabei auf die Möglichkeiten gesetzt wird, die ein Computer in der Vernetzung von Medien bietet, geht es vor allem auch um Beschränkung und um die Frage, wie intuitiv solche Bücher bedienbar sind.

Das Medium des Buches ist demenzerkrankten Personen wohlvertraut. Wenn ein Buch zudem wie eine Art von Computer genutzt werden soll, geht es außerdem darum, nur solche Medien in der Vernetzung zu berücksichtigen, die einen hohen Erinnerungswert besitzen, da durch diese Art der medialen Verknüpfung gesichert werden kann, dass die dargebotenen medialen Eindrücke an Erfahrungen andocken, die im Langzeitgedächtnis abgespeichert sind.

Was dagegen vermieden werden sollte, sind unnötige Zusatzinformationen, die zur kognitiven Belastung oder Überforderung beitragen. Ein passendes Konzept, ein Stück Musik, die richtigen Fotos, ein paar relevante Verszeilen und Notizen aus der Vergangenheit und vielleicht ein Video, das eine Wochenschau zeigt: Mehr ist häufig gar nicht notwendig.

Demenzkranke und Tablet-PCs

Die intuitive Bedienbarkeit von Informationen scheint eine große Rolle bei demenzerkrankten Menschen zu spielen. So las ich beispielsweise vor ein paar Tagen auf dem Alzheimerblog der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. einen bemerkenswerten Beitrag zum Thema “Erfahrungen gesucht: Demenzkranke und Tablet-PCs”.

In diesem Beitrag wird zu Beginn auf eine Frau eingegangen – Jacqueline Wienholtz – die Anfang 2012 zufällig eine Entdeckung machte. Als diese Frau einen Tablet-PC mit zur Arbeit brachte, also einen flachen und tragbaren Computer, der intuitiv bedienbar ist, vernahm sie recht schnell, dass die Senioren davon begeistert waren und damit zunehmend mehr Zeit verbrachten. Im Gegensatz zu Computern – so erfahren wir in diesem Beitrag – sind Tablet-PCs nämlich recht intuitiv bedienbar – ganz einfach über das Antippen mit den Fingern.

Stellen sie sich vor, sie würden ein Erinnerungsbuch gestalten, dass sowohl auf herkömmlichen Computern als auch auf Tablet-PCs betrachtet werden kann. Der Vorteil würde darin bestehen, dass sämtliche Medien der Erinnerung ganz einfach über das Antippen mit den Fingern aktiviert werden können: Musik, Fotos und Filme, die repräsentativ für wichtige Lebensabschnitte und Ereignisse stehen. Dies ist aktuell beispielsweise bei einigen Geräten von Amazon möglich: Neben dem Kindle – ein digitales Lesegerät – existiert noch der Kindle Fire. Mit diesem Gerät kann man nicht nur lesen, sondern zudem auch Videos und Fotoalben anschauen oder auf Kopfkino umschalten (Audio-Beiträge).

Den Erinnerungen auf der Spur: Biografiearbeit und soziale Medien

Das vom US-Amerikaner Robert N. Butler entwickelte Konzept einer Lebensrückschau besagt, dass viele Menschen mit zunehmendem Alter den Wunsch verspüren, sich noch einmal intensiver mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Die intensivere Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist auch ein zentraler Bestandteil bei der Biografiearbeit. In der pflegerischen Praxis ist es nämlich sinnvoll, tiefer in die Biografie einer demenzerkrankten Person einzutauchen, um beispielsweise abweichende Verhaltensweisen besser nachvollziehen und deuten zu können. Ohne aber genauer Kenntnis über die Biografie eines Demenzkranken zu haben, ohne zu wissen, welche Erfahrungen und Erlebnisse besonders prägend waren, ohne zu wissen, welche besonderen Interessen, Vorlieben und Abneigungen bestehen, wird der Zugang zu einer Person ungemein erschwert.

Hier bieten solche sozialen Medien wie Pinterest die Möglichkeit, Bilder-Sammlungen zu verschiedenen Themen anzulegen, diese durch weitere Texte und Zitate anzureichern sowie Links zu anderen Medien zu ergänzen, etwa zu Musikstücken und Videos. Auch lassen sich die Bildsammlungen, die wie eine virtuelle Pinnwand aussehen, kommentieren und mit anderen Menschen teilen. Hier ein schönes Beispiel zum Thema “Demenz”.

Elektronische Erinnerungsbücher für professionell Pflegende

Elektronische Bücher können dabei helfen, über verschiedene Medien einen ersten Zugang zu wichtigen Lebensetappen einer Person zu schaffen und jene Eindrücke und Dinge aus dem Erinnerungsschatz dieser Person hervorzuheben, die von besonderer Bedeutung sind.

„Das Brustbild, unmittelbar nach dem Krieg aufgenommen, ein Jugendlicher mit nur wenig mehr als vierzig Kilogramm – verloren. Mein Vater hatte das Foto fast sechzig Jahre lang in seiner Geldtasche mit sich herumgetragen, gemeinsam mit einem Foto seiner Mutter. Dinge, an denen sein Herz gehangen hatte.“ (Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil, S. 26)

Diese Informationen sind insofern sehr hilfreich, weil sie dazu beitragen können, zu tieferen Bedeutungsebenen hinter zuweilen seltsamen und rätselhaften Verhaltensweisen vorzudringen. Solche Informationen sind als ergänzende Erfahrungsquelle im Umgang mit Demenzkranken zu bewerten, gerade wenn die Zeit im professionellen Pflegealltag recht knapp bemessen ist.

Elektronische Erinnerungsbücher für Angehörige

Für Angehörige kann es eine ungemein bereichernde Erfahrung darstellen, sich mit der Biografie und den Erinnerungen einer geliebten Person intensiv auseinanderzusetzen, die von der Demenz gezeichnet worden ist (Vater, Mutter, Oma, Opa usw.). Nicht nur das Verstehen und Verständnis für diese Situation wächst (die Begegnung und der Umgang mit der demenzkranken Person und deren Veränderung durch die Krankheit), sondern auch der Lerneffekt.

So kann man sich dem Leben des Anderen wie ein Chronist und Geschichtenerzähler annähern, der wichtige bereits leicht vergilbte oder verlorengeglaubte Erinnerungen wieder ausgräbt und für kommende Generationen aufbewahrt und damit auch mehr über die eigene Beziehung zu dieser Vergangenheit erfahren. Erinnerungsstücke können eben Fotos, Musikstücke, Briefe oder sonstige Dinge sein, die auf relativ einfache Art in der Form eines elektronischen Erinnerungsalbums aufbereitet werden können.

Der Lerneffekt für die eigene Familie und die Angehörigen, die Demenzkranke pflegen, rührt ferner darin, näher herauszufinden, was es heißt, demenzkrank zu sein. Mit der Krankheit und dem Teilen von Erfahrungen ändert sich schließlich auch die eigene Wahrnehmung und Empfindung. So wie der demenzkranke Mensch verändert man sich auch selber – bedingt durch diese Erfahrungen – als Person.

„Das Alter als letzte Lebensetappe ist eine Kulturform, die sich ständig verändert und immer wieder neu erlernt werden muss. Und wenn es einmal so ist, dass der Vater seinen Kindern sonst nichts mehr beibringen kann, dann zumindest noch, was es heißt, alt und krank zu sein. Auch dies kann Vaterschaft und Kindschaft bedeuten, unter guten Voraussetzungen. Denn Vergeltung am Tod kann man nur zu Lebzeiten üben.“ (Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil, S. 136)

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

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