Psychosoziale Interventionen bei Demenz: Virtuelles E-Book

Wer wissen will, was man unternehmen kann, wenn Wahn, depressive Krisen, Nahrungsverweigerung und Aggression in der Pflege von Menschen mit Demenz die Oberhand annehmen, liegt mit unserem virtuellen E-Book “Psychosoziale Interventionen bei Demenz” goldrichtig. Anhand unterschiedlicher Medien wie Texte, Zeichnungen und Videos beschäftigen wir uns mit Demenz und herausforderndem Verhalten und schlagen den Bogen von der Wissenschaft zur Praxis.

Zwei Fälle, eine Ausgangssituation: echte Probleme in der Kommunikation. Der Vater von Andrea verhält sich neuerdings so aggressiv, dabei deuten sich seine Aggressionen keineswegs in seinem Gesicht an. Die impulsiven Ausbrüche des Vaters geben Andrea ein echtes Rätsel auf, schließlich hatte sie immer so ein gutes Verhältnis zu ihm, bevor die Diagnose kam: Alzheimer. Auch die Kommunikation mit Frau Meier gestaltet sich schwierig. Nachdem sie an Demenz erkrankt ist, wurde sie relativ schnell in ein Pflegeheim untergebracht. Seit einigen Wochen ist Frau Meier verstummt, obwohl die Pflegenden ihr immer nur helfen wollten …

Teil 1:

PSYCHOSOZIALE INTERVENTIONEN BEI DEMENZ: BASISWISSEN

Verstehende Diagnostik: Fallbeispiele können in der Beschreibung und Analyse von herausfordernden Verhaltensweisen sehr nützlich sein. In dieser Zeichnung handelt es sich um eine ältere Dame mit Demenz, die nicht mehr sprechen will.

Einstieg: Herausforderndes Verhalten besser verstehen

Was in der Pflegewissenschaft recht neutral als “herausforderndes Verhalten” bezeichnet wird, kann Angehörige und Pflegende schnell an die Grenze führen: Symptome wie Wahn, Halluzinationen, depressive Krisen, Nahrungsverweigerung oder Aggression. Dabei können die Gründe für derartige Verhaltensweisen ganz unterschiedlich sein: einerseits besteht eine Verbindung zur Demenz als Krankheit, was die Symptome anbelangt (etwa Störungen des Sozialverhaltens bei einer frontotemporalen Demenz), andererseits spielen ebenso die eigene Persönlichkeit und die Umwelt als Einflussfaktoren eine Rolle.

In diesem Kapitel wollen wir Ihnen Grundlagenwissen vermitteln. Einen ersten Einstieg in die Materie bieten das Radio-Interview mit Detlef Rüsing und der Video-Vortrag von Georg Franken: Was bedeutet eigentlich herausforderndes Verhalten? Darüber hinaus empfiehlt es sich, die Rahmenempfehlungen zur Vertiefung zu lesen, die vom Bundesministerium für Gesundheit im Jahre 2007 herausgegeben worden sind.

Teil 2:

PSYCHOSOZIALE INTERVENTIONEN BEI DEMENZ: LÖSUNGSANSÄTZE IN DER PRAXIS

Das NDB-Modell – need driven dementia compromised behaviour model (bedürfnisorientiertes Verhaltensmodell bei Demenz) – wurde von einer Gruppe von nordamerikanischen Pflegewissenschaftlerinnen in den 1990iger Jahren zusammengestellt, die darin die Ergebnisse pflegebezogener Demenzforschung zusammengefasst haben.

In der Praxis ist es häufig so, dass sich Symptome wie Wahn, Halluzinationen, depressive Krisen oder Aggression zuspitzen, da nicht die passenden Strategien auf Verhaltensweisen angewendet werden, die sich in den meisten Fällen bereits über einen längeren Zeitraum entwickelt haben. Nicht selten werden Personen mit derartigen Symptomen in eine gerontopsychiatrische Klinik eingewiesen. Im Vorfeld sind medizinische Behandlungsversuche ohne Erfolg geblieben oder ein behandelnder Facharzt steht nicht in dem Maße zur Verfügung, wie es die Krankheit erfordert. Spitzt sich dann vor dem schlecht besetzten Wochenende die Situation zu, erfolgt die Einweisung. In der Klinik am späten Freitagnachmittag angekommen, verschärft sich die Situation dann nicht selten dramatisch, da der Demenzkranke in der fremden Umgebung erst recht “nach Hause” will. Aus dem gut gemeinten Versuch, eine Krise zu lösen, ist erst recht eine Krise entstanden.

Eine Vorgehensweise, diese Zuspitzung zu verhindern, sind Fallbesprechungen. Zwecks Lösungssuche wird zu einer Fallkonferenz eingeladen, an der beispielsweise im Pflegeheim neben der Heimleitung, Pflegedienstleitung und der Mitarbeiterin des sozialen Dienstes fast alle Pflegepersonen des Wohnbereiches sowie pflegende Angehörige teilnehmen. Daneben ist es wichtig, dass eine zusätzliche Person die Moderation übernimmt. So könnte man auch klären, warum Frau Meier nicht mehr sprechen will.

Bei einer Fallkonferenz wird zunächst der Fall vorgestellt, eine Wissenssammlung zu jener Person angelegt, die sich “auffällig” verhält, und im Anschluss eine Verstehenshypothese entwickelt. Für die Entwicklung dieser Hypothese ist es nützlich, dass oben angeführte NDB-Modell als Basis zu verwenden. In diesem Modell sind die wichtigsten Einflussfaktoren zusammengefasst, die mögliche Ursachen für eine herausfordernde Verhaltensweise darstellen können: etwa der “Neurologische Status” (Gedächtnis und Merkfähigkeit) oder “Psychosoziale Bedürfnisse” (etwa Emotionen wie Angst und Langeweile). Dabei ist zwischen “Hintergrundfaktoren” und “Nahen Faktoren” zu unterscheiden (siehe dazu auch die oben angeführte Grafik). “Hintergrundfaktoren” sind durch Interventionen kaum zu beeinflussen, dienen in der Beschreibung aber dazu, Risiken zu erfassen. Davon zu unterscheiden sind die “Nahen Faktoren”, die wesentlich eher durch Interventionen beeinflusst werden können.

In diesem Kapitel erfahren Sie mehr zu der Frage, wie Fallkonferenzen in der Praxis ablaufen, und was es zu beachten gilt. Daneben folgt am Ende dieses Kapitels ein Infoposter mit weiteren Interventionsmöglichkeiten als Überblicksdarstellung. So lassen sich die meisten der herausfordernden Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz etwa auch durch “Milieutherapeutische Interventionen” mildern. Neben diesem Ansatz umfasst das Infoposter außerdem noch folgende Interventionsmöglichkeiten: “Basale Stimulation”, “Erinnerungstherapie”, “Kognitive Verhaltenstherapie”, “Lichttherapie”, “Musiktherapie”, “ROT”, “Snoezelen” und “Validation”.

Wer sich neben dem Infoposter noch für weitere Informationen zu den einzelnen Interventionen interessiert, sollte folgenden Link aufrufen (unterer Teil: “Weiterführende Literatur und Links”): http://dzd.blog.uni-wh.de/infografik-interventionen-bei-herausforderndem-verhalten/#more-9672

Teil 3:

PSYCHOSOZIALE INTERVENTIONEN BEI DEMENZ: TAGUNG UND DOKUMENTATION

An der Universität Witten/Herdecke wurde am 25. Februar 2015 auf der Veranstaltung “Psychosoziale Interventionen bei Demenz” eine Live-Fallkonferenz abgehalten. Sie sehen folgende Personen in der Zeichnung (von links nach rechts): Dr. Klaus Maria Perrar (Facharzt für Psychiatrie), Sandra Eisenberg (Pflegekraft), Christian Müller-Hergl (Fallmoderator), Jörg Killinger (Psychobiologe), Ursula Fischer (Fachkraft für Gerontopsychiatrie) und Johannes van Dijk (Fallbringer).

Wissenschaft trifft auf Wirklichkeit – so könnte man den ungewöhnlichsten Teil der Tagung „Möglichkeiten und Grenzen psycho-sozialer Interventionen bei Demenz“, die am 25. Februar 2015 vom Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) an der Universität Witten/Herdecke ausgetragen wurde, beschreiben: Detlef Rüsing – Leiter des DZD – interviewte Kerstin Thörmer (50) und Joachim Boes (61), die als Paar jeden Tag mit der Diagnose Demenz leben (siehe dazu auch das Video im unteren Teil dieses Beitrags). Der 61-Jährige ist an Alzheimer erkrankt. Seit sieben Jahren arbeitet der ehemalige Verkaufsleiter eines Tabakunternehmens, der seinen Beruf so liebte, nicht mehr. Er spielte viele Instrumente, machte gar einen Flugschein. Er sprach an diesem Tag ruhig ins Mikro, nur manchmal fehlten ihm die Worte, woraufhin seine Frau ganz behutsam in die Szene eingriff.

Es ist dieses Szenarium, das auch NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens in ihrem Vortrag „Wie wollen wir im Alter (mit Demenz) leben?“ betonte: der Wunsch danach, so lange wie es nur geht, in den eigenen vier Wänden zu leben, auch wenn die Diagnose Alzheimer lautet (siehe dazu auch das Video im unteren Teil dieses Beitrags). Boes erzählte weiter, wie er jeden Tag in der nächsten Umgebung spazieren geht, wenn seine Frau auf der Arbeit ist. Und wie fest verankerte Rituale für Halt im Alltag sorgen, so wie etwa der Gang zur nächstgelegenen Metzgerei, den er regelmäßig zu einem festen Zeitpunkt wiederholt. Dafür braucht man Nachbarn und Personen in der nächsten Umgebung, die auf Menschen wie Boes eingestellt sind. „Quartiersnahe Versorgung“ ist hier das Stichwort, wie auch NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens später bestätigte: „Wir sind alle froh, dass wir eine höhere Lebenserwartung haben, und möchten gerne, dieses Mehr an Lebensjahren, was wir gewonnen haben, mit einer guten Lebensqualität leben, und zwar da, wo wir immer gelebt haben.“

Die israelische Demenzforscherin Prof. Jiska-Cohen Mansfield (Department of Health Promotion School of Public Health, Tel Aviv University) forscht seit über 20 Jahren zu der Frage, welche Ursachen für herausfordernde Verhaltensweisen in der Versorgung von Menschen mit Demenz existieren, und welche Interventionen helfen.

Die israelische Demenzforscherin Prof. Jiska-Cohen Mansfield (Department of Health Promotion School of Public Health, Tel Aviv University) zeigte Videos von herausfordernden Verhaltensweisen: Man sah ältere Frauen mit Demenz in Pflegeeinrichtungen umherwandern, die kaum sprechen, dann aber unerklärlich laut und aggressiv werden (siehe dazu auch das Video im unteren Teil dieses Beitrags). In solchen Fällen probierten Cohen-Mansfield und ihr Forschungsteam verschiedene Interventionsmöglichkeit aus: Pflegende, die besonders langsam und betont sprechen, Pflegende, die zusammen mit den Betroffenen singen, oder Pflegende, die zum Spielen animieren. Zuweilen führten diese Interventionen gar dazu, wie Cohen-Mansfield berichtete, dass einzelne Personen, die ganz verstummt waren, wieder sprachen.

Der Pflegewissenschaftler Georg Franken (DZD) lieferte einen generellen Überblick zum Thema herausfordernde Verhaltensweisen (siehe dazu auch das Video als Link unter “Teil 1: Psychosoziale Interventionen bei Demenz: Basiswissen” – Link 2: “Herausforderndes Verhalten: Beschreibung und Vorkommen”). Silvia Herb (Fachkraft Gerontopsychiatrie, Das Pflegeteam, Emmendingen) stellte gegen Ende der Tagung einen Fall aus einer ambulanten Wohngemeinschaft vor, der in der Praxis nicht einfach zu lösen war: Ein älterer Herr, der an Demenz erkrankt war und der über einen militärischen Hintergrund verfügte, wollte sich so gut wie gar nichts von den Pflegenden sagen lassen und verhielt sich ziemlich aggressiv. Der Mann kam schließlich nach mehreren tätlichen Angriffen mit einem Messer in die Psychiatrie (siehe dazu auch das Video im unteren Teil dieses Beitrags).

In der offenen Fallbesprechung am Nachmittag ging es um einen Mann, der alkoholabhängig war und von dem man nicht genau wusste, ob er tatsächlich Alzheimer oder ein Korsakow-Syndrom hatte: Johannes van Dijk (Fachreferent für DCM und Gerontopsychiatrie, Frank Wagner Holding Hamburg) stellt ihn als Fallbringer dem Moderator Christian Müller-Hergl (Pflegewissenschaftler, DZD, Sandra Eisenberg (Das rauhe Haus, Evangelische Berufsschule für Pflege, Hamburg), Ursula Fischer (Fachkraft für Gerontopsychiatrie, Sophie Cammann-Haus (St. Johannisstift Paderborn), Jörg Killinger (Psychobiologe, Gründer Beraternetzwerk Killinger Networking Berlin) und Dr. Klaus Maria Perrar (Facharzt für Psychiatrie, Köln) vor (siehe dazu auch das Video im unteren Teil dieses Beitrags). Das Problem bestand zudem darin, dass seine Frau sich von dem Mann trennen wollte, sich aber nicht traute, offen über dieses Problem zu reden, was die Pflege nicht gerade einfacher gestaltete. Denn die professionell Pflegenden hatten der Frau versprochen, ihr Beziehungsproblem gegenüber ihrem Ehemann nicht offen anzusprechen. Erst am Ende konnte man sich dann doch noch dazu durchringen, dem Ehemann die Wahrheit zu sagen.

Videos zu der Tagung “Psychosoziale Interventionen bei Demenz”:

Der Eröffnungsvortrag von Detlef Rüsing (Leiter des DZD)

Leben mit Demenz: Interview mit Joachim Boes und Kerstin Thörmer

Vortrag Barbara Steffens: Wie wollen wir im Alter (mit Demenz) leben?

Vortrag Jiska Cohen-Mansfield: Leben mit herausforderndem Verhalten

Interview mit Jiska Cohen-Mansfield: Leben mit herausforderndem Verhalten

Fallbeispiel: Einladung zu eigenen Überlegungen

Vortrag Silvia Herb: Die Geschichte von Herrn Feldwebel

Weiterführende Literatur zur Vertiefung

Der Pflegewissenschaftler Georg Franken (DZD) hat eine Liste mit weiterführenden wissenschaftlichen Quellen zum Thema “Herausforderndes Verhalten in der Versorgung von Menschen mit Demenz” erstellt. Hier der Link dazu: Demenz und herausforderndes Verhalten – Literatur und Links

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

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