Pflegesensible Arbeitszeiten: Ein wegweisendes Konzept

Die Bereitschaft zur Übernahme von Pflegeaufgaben wird in der Zukunft vermehrt davon abhängen, ob es gelingt, Pflegeverantwortung und berufliche Anforderungen mit dem eigenen Familienleben und Erholungsbedürfnissen in Einklang zu bringen. Die Hans-Böckler-Stiftung hat zu diesem Thema eine wegweisende Broschüre veröffentlicht.

Als professionelle Pflegeperson kennen Sie folgende Rahmenbedingungen: Geregelte Arbeitszeiten werden in Deutschland in der Pflege von Menschen mit Demenz häufiger durch Schicht- und Wochenendarbeit unterbrochen; auch ansonsten dominiert in den meisten stationären Einrichtungen die Anwesenheitspflicht. Es gibt nur wenig Möglichkeiten, die eigene Arbeit selbstbestimmter zu gestalten, auch wenn die Menge an Zusatzaufgaben neben der eigentlichen Pflegearbeit stetig steigt, etwa die Pflicht zur Dokumentation. Schließlich kommt es bei einigen Pflegekräften auch noch zur Doppelbelastung. Neben der Arbeit werden Mutter, Vater oder gar beide Elternteile über eine gewisse Zeit gepflegt. Aus der empirischen Forschung wissen wir: Im Durchschnitt beginnt die Pflege einer Person aus dem eigenen familiären Umfeld mit 40 Jahren und dauert in etwa sieben Jahre an.

Die starke Zunahme der Zahl von körperlich Pflegebedürftigen bzw. von Menschen mit Demenz wurde in den letzten Jahren gesellschaftlich immer deutlicher als eines der zentralen Zukunftsthemen erkannt, auch in der Wahrnehmung seitens der Unternehmen und der Politik. Was dagegen aktuell im Gesundheitssektor noch vielfach hierzulande fehlt, ist die Debatte zu der Frage, inwieweit die jetzigen Arbeitsbedingungen verändert werden müssen. Ich sage bewusst “müssen”, wenn es um Zukunftsfähigkeit geht.

Pflegesensible Arbeitszeiten

In der Broschüre “Pflegesensible Arbeitszeiten ‒ Arbeitszeitrealitäten und -Bedarfe von pflegenden Beschäftigten”, die kostenfrei als PDF-Dokument im Internet angeboten wird, werden die derzeitigen Rahmenbedingungen von Arbeit bezogen auf die starke Zunahme der Zahl von körperlich Pflegebedürftigen bzw. von Menschen mit Demenz näher hinterfragt. Daneben geht es um konkrete Verbesserungs- und Lösungsvorschläge, wie diese Rahmenbedingungen zukünftig anders gestaltet werden können.

Diese Broschüre stellt die wichtigsten Ergebnisse einer empirischen Studie vor, die vom Institut für Ethik und angrenzende Sozialwissenschaften (IfES) der Westfälisch-Wilhelms-Universität Münster und SowiTra, dem Institut für sozialwissenschaftlichen Transfer (Berlin) durchgeführt und von der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) gefördert wurde. Sie ist veröffentlicht unter dem Titel “Pflegesensible Arbeitszeiten ‒ Perspektiven der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege” im Sigma-Verlag Berlin, 2012.

“Das Grundprinzip des Konzeptes Pflegesensible Arbeitszeiten könnte zusammenfassend lauten: Planbarkeit ‒ Rhythmus ‒ Reduktion ‒ Flexibilität (…) Das Ziel einer pflegesensiblen Arbeitszeitgestaltung ist die flexible Anpassung der zeitlichen und inhaltlichen Arbeitsanforderungen an die unterschiedlichsten Pflegesituationen, denn jeder Pflegefall ist anders.”

Aktuell findet international eine große Debatte zu folgender Frage statt: Wie sehen die Bedingungen von Arbeit im 21. Jahrhundert aus? Die Stichworte: Versorgung, Demografiewandel, digitale Transformation und Ressourcenknappheit. Ein wichtiger Punkt ist dabei die Frage nach dem ergebnisorientierten Arbeiten. An die Stelle der noch vielfach verbreiteten Anwesenheitskultur sollte ein mehr ergebnisorientiertes Arbeiten treten, so einer der wesentlichen Dikussionspunkte innerhalb dieser Debatte. Was heißt das?

Nicht die stetige Verfügbarkeit, sondern das tatsächliche Engagement und der erzielte Erfolg sollte vorrangig als Leistungskriterium angelegt werden. Bei einer Person, die hauptberuflich andere Menschen pflegt, könnte man sich das in etwa so vorstellen: Es wird vorher ein bestimmtes Leistungsziel vereinbart, während die Anwesenheitspflicht nur noch da erforderlich ist, wo es um Bezugspflege und wichtige Team- und Arbeitsbesprechungen geht, während der Rest der Arbeit, wie etwa Zusatzaufgaben, die am Computer ausgeführt werden, auch von zu Hause aus erledigt werden können.

Positiv betrachtet kann mehr ergebnisorientiertes Arbeiten dazu führen, dass wir uns unsere Arbeitszeit freier einteilen können. Im besten Fall wird die Arbeit dadurch selbstbestimmter. Kritisch betrachtet kann diese Art des Arbeitens allerdings auch dazu führen, dass wir noch mehr arbeiten und dass sich die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit weiter verflüssigt. Dies gilt in der Pflege in besonderem Maße für Personen, die ohnehin schon vielfach in Schichten arbeiten.

Pflege erfordert einen hohen Zeitaufwand. Wie lässt sich dieser Aufwand in der Zukunft besser mit den beruflichen Anforderungen vereinbaren, wenn in Deutschland bis zum Jahr 2025 fast jede Person älter als 60 Jahre alt sein wird?

Ich persönlich kann der Idee des ergebnisorientierten Arbeitens viel abgewinnen. Wenn wir beispielsweise wissen, dass wir in nächster Zeit auch privat intensiver für die Pflege einer Person zuständig sein werden, können wir die von uns zu erledigenden Aufgaben zeitlich anders gestalten, vorausgesetzt, dass auch auf der Unternehmensseite ein reges Interesse daran besteht, mehr auf die Bedürfnisse der eigenen Mitarbeiter einzugehen.

Am frühen Morgen und am Mittag kümmern wir uns etwa um die Pflege unserer Mutter, während wir dazwischen und danach jene Aufgaben bearbeiten, die bei uns gerade im Beruf anliegen. Sollte die Pflege von einzelnen Familienmitgliedern, was den zeitlichen Aufwand anbelangt, dagegen nicht mehr in dieser Art zu managen sein, so ist beispielsweise auch ein Wechsel von Vollzeit auf Teilzeit denkbar, die aktive Einbeziehung von Arbeitskonten, der Wechsel von Schichten oder adäquater Tätigkeitszuschnitt ‒ je nach Anforderung. Letzterer Punkt bedeutet ‒ bei der Übernahme privater Pflegeverantwortung ‒ einzelne Aufgaben vorübergehend abzugeben. Als Beispiel wird in der Broschüre von der Hans Böckler Stiftung eine professionelle Pflegekraft mit Fühungsverantwortung genannt, die vorübergehend jene Zusatzaufgaben abgibt, die sich durch das Leiten von Arbeitskreisen und Außenkontakten ergeben haben.

Einige Personen von Ihnen werden sicherlich einwenden: In der Realität haben wir diese Gestaltungsmöglichkeiten doch in den meisten Fällen in der Pflege überhaupt nicht. Das Argument dazu: Es wird in der Zukunft immer mehr an gut ausgebildeten Fachkräften in der Pflege fehlen, wenn die Rahmenbedingungen weiterhin so stark fremdbestimmt ausfallen. Schon heute arbeiten viele gut ausgebildete Menschen in der Pflege am Limit: Wie soll man da noch weitere Versorgungsprobleme in der Zukunft stemmen? Und auch in anderen Branchen gilt zukünftig: Wie kann die Personalpolitik in den Unternehmen von morgen aussehen, wenn bis zum Jahr 2025 fast jede dritte Person in Deutschland über 60 Jahre alt sein wird? Was bedeutet es also, Pflegeaufgaben als einen temporären Normalfall im Leben nahezu aller Menschen zu verstehen und zum Bestandteil einer lebensphasenbezogenen Personalpolitik zu machen ‒ und zwar branchenübergreifend?

Ich finde, dass sind wirklich spannende Zukunftsfragen. Und es lohnt sich definitiv, darüber zu diskutieren, inwiefern wir die Rahmenbedingungen von Arbeit im Hinblick auf drängende Gestaltungsfragen der Zukunft anders gestalten können.

In der Broschüre “Pflegesensible Arbeitszeiten ‒ Arbeitszeitrealitäten und -Bedarfe von pflegenden Beschäftigten” finden Sie einige Anregungen und Antworten auf diese Fragen.

Hier noch einmal der Link zu der Broschüre.

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

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