Leben mit Demenz im Jahr 2020: Pflege-Gemeinschaft für die Alt-68er

Aktuell wird die 68er-Generation bereits pflegebedürftiger. Für das Jahr 2020 ist auch denkbar, dass einzelne Alt-68er mit Demenz verstärkt in Wohngemeinschaften leben werden, da Erfahrungen mit Wohngemeinschaften für diese Generation prägend waren. In unserem ersten Beitrag in der neuen Serie “Leben mit Demenz im Jahr 2020: Wohnformen der Zukunft” gehen wir vor diesem Hintergrund näher auf das Konzept der “Demenz-WG” ein.

In Hamburg ist man schon relativ gut auf das Jahr 2020 vorbereitet, was neue Wohngemeinschaften anbelangt, die im Alter entstehen. Der Hintergrund ist einfach zu erklären: Es herrscht zunehmend Not am Wohnungsmarkt. Viele alteingesessene Mieter müssen zum Teil ihre Wohnungen räumen, wenn die Häuser aufgekauft und Wohnungen zu wesentlich höheren Preisen angeboten werden. Ein möglicher Lösungsansatz für dieses Dilemma: die Gründung von neuen Wohngemeinschaften.

Das führt auf der anderen Seite zu einem Trend, den viele nicht mehr für möglich gehalten hätten: nämlich die Renaissance des sozialen Wohnungsbaus. Nach dem Zweiten Weltkrieg fehlten Millionen von Wohnungen in Deutschland. Der soziale Wohnungsbau sorgte dafür, die grassierende Wohnungsnot zu lindern. 

Allerdings wird der bestehende Ausbau von Wohnungen in Hamburg nicht dazu reichen, die Versorgungsprobleme der Zukunft aufzufangen, was die Unterkünfte und die Pflege vor Ort anbelangt, wenn die Gesellschaft immer weiter altert. Und was in Hamburg gilt, gilt auch für viele andere Großstädte in Deutschland, darunter auch zahlreiche Städte in NRW.

Wenn der Wohnraum knapper wird

Wenn der Wohnraum knapper wird, muss der Staat intervenieren und neuen sozialen Wohnraum schaffen. Oder die Menschen schließen sich zu Wohngemeinschaften zusammen und versorgen sich gegenseitig verstärkter in den Quartieren. Das wären zwei weitere mögliche Ideen, die neben knappem Wohnraum auch real existierende Versorgungsprobleme aufgreifen. Beide Probleme weisen gewisse Verbindungen auf.

Daher rücken aktuell auch neue Wohn- und Pflegeformen im Quartier stärker in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Stichwort “Inklusion”. Vor diesem Hintergrund bilden Wohngemeinschaften im Alter einen möglichen Lösungsansatz für die Versorgungsprobleme der Zukunft. In diesen Gemeinschaften leben Pflegebedürftige in einer großen Wohnung zusammen und werden von einem ambulanten Pflegedienst versorgt. Das spart auf der einen Seite Kosten, bringt auf der anderen Seite aber vor allem auch einen sozialen Mehrwert. 

So ist beispielsweise die Gesundheitssenatorin von Hamburg – Cornelia Prüfer-Storcks – davon überzeugt, dass mit der 68er-Generation auch die Akzeptanz für Wohngemeinschaften im Alter steigt. “Die 68er-Generation wird in diesen Jahren pflegebedürftig, viele haben ja schon in ihrer Studienzeit Erfahrungen mit Wohngemeinschaften gemacht“, so beispielsweise die Worte von Prüfer-Storcks in einem Online-Beitrag von 2015.

Speziell bei Menschen mit Demenz kommt noch hinzu, dass es vielen stationären Pflegeeinrichtungen schwerfällt, sich auf die individuellen Bedürfnisse dieser Menschen einzurichten. Zu Grunde liegt dabei unter anderem die Erfahrung, dass Menschen mit Demenz Ansprüche an Begleitung, Wohnung und Pflege haben, die sich von denen anderer alter Menschen unterscheiden. Eine zentrale Rolle spielt hierbei etwa die Beobachtung, dass eine Demenz wie Alzheimer bei den Betroffenen im fortgeschrittenen Verlauf dazu führt, dass der Orientierungssinn nicht mehr richtig funktioniert. Personen finden sich plötzlich nicht mehr in ihrer Umgebung zurecht oder vergessen die Namen von ihnen einst wirklich vertrauten Menschen.

“1968 hat nicht nur ein neues Körperbewusstsein ausgelöst, sondern war selbst ein Resultat von all den Veränderungen in den Körpern nach 1945. Wichtig war die Erweckung durch Musik, durch Kunst. Nach dem Krieg waren die impressionistischen und expressionistischen Farbexplosionen wieder zu sehen. Im Bereich der Musik war der Rock ’n’ Roll entscheidend. Die Musik intensiviert den Körper, wobei es nicht ganz egal ist, ob es sich um ein klassisches Klavier oder eine E-Gitarre handelt. Die Intensivierung durch den Rock ’n’ Roll ist stärker, weil sie elektrisch ist. Und zwar ohne jede Wertung in einem ganz materialistischen Sinn: Eine aufgedrehte E-Gitarre haut anders in den Körper als ein Flügel in einem Konzertsaal. Diese Elektrifizierung der Körper in den 1950er und 1960er Jahren geht der Studentenrevolte voraus. Ohne diese körperliche Voraussetzung ist 1968, der Wunsch nach Intensität im Leben und in der Liebe, nicht zu denken.” (Klaus Theweleit)

Neue Wohngemeinschaften im Alter

In einer kleineren offeneren Wohngemeinschaft besteht vor allem die Chance einer mehr gelebten Individualität, die eben auch im Alter oder mit Demenz von großer Bedeutung ist. In einer mehr geschlossenen und größeren stationären Pflegeeinrichtung kann es dagegen wesentlich schwieriger sein, auf individuelle Vorlieben und eigene Rhythmen einzugehen und diese im Tagesablauf zu berücksichtigen. Auch die Erhaltung und Förderung der eigenen Biographie gehört dazu.

Wie wir allerdings noch in dieser Serie sehen werden, gibt es auch weniger offene Konzepte wie die Demenz-WG, die für diese Menschen sinnvoll sein können – je nach Demenzform und Stadium. Ein Beispiel wäre das Konzept der “Pflegeoase”, welches als “Modellprojekt” in einem späteren Beitrag noch näher auf seine Zukunftsfähigkeit hin befragt wird. Dieses Angebot richtet sich vor allem an Menschen mit fortgeschrittener Demenz.

“Geschlossen offen”: Pflegeheime der Zukunft?

Überhaupt werden wir uns in dieser Serie noch näher mit der Frage auseinandersetzen müssen, inwieweit einzelne Wohnformen bei Demenz konventionelle Unterscheidungen wie “offen” und “geschlossen”, “inklusiv” und “segregativ” zum Teil fragwürdig erscheinen lassen und unterlaufen. So kann beispielsweise auch ein modernes Pflegeheim als stationäre Einrichtung sehr wohl Entwicklungstendenzen in der eigenen Architektur spiegeln, die eher den sozialen Austausch in den Mittelpunkt rücken: “geschlossen offen”.

Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund vor allem auch die Beobachtung, dass sich die baulich-architektonischen Leitbilder im Laufe der Jahrzehnte innerhalb der stationären Pflegeeinrichtungen stark verändert haben. Bis Anfang der 1960er-Jahre des 20. Jahrhunderts dominierte beispielsweise noch das architektonische Leitbild der “Verwahranstalt” (“Insasse wird verwahrt”), während Ende der 1990er-Jahre bis zur Jahrtausendwende die Familie zum neuen Leitbild avancierte (“Alte Menschen erleben Geborgenheit und Normalität”).

Wir dürfen also vermuten, dass bis zum Jahr 2020 auch an dieser Stelle ein neues Leitbild in den Pflegeheimen entstehen wird. Vielleicht das Quartier als neues Leitbild? Neue Formen der Zusammenarbeit und Vernetzung zwischen den Pflegeheimen und anderen Akteuren und Organisationen aus der Umwelt?

Eine Entwicklung, die derzeit beispielsweise auch an anderer Stelle im Bildungssektor am Beispiel der Ganztagsschulen vernehmbar ist. Einzelne früher eher geschlossen wirkende Organisationen öffnen sich zunehmend mehr nach außen für Kooperationen, wenn der Druck von außen größer wird.

Die Wohngemeinschaft im Alter erscheint erst einmal als eine Wohnform, die sich durch ein offenes Konzept auszeichnet. Unterschiedliche Mentalitäten, Erfahrungen und Lebensstile werden im Alter unter einem Dach in eine Wohngemeinschaft integriert. In einer spezielleren Form ist das ebenso bei dem Konzept der Demenz-WG der Fall, wobei hier nicht vergessen werden sollte, dass diese Wohnform zugleich ein begleitendes Betreuungselement aufweist. Der mobile Pflegedienst im Hintergrund, der rund um die Uhr betreut, vor allem an jenen Stellen, wo Betreuung unbedingt notwenig ist. Eine solche Wohngemeinschaft ist ohne kontrollierende und intervenierende Elemente kaum vorstellbar. Diese Art von Wohnform würde ich deshalb als “offen geschlossen” charakterisieren.

Auch in NRW, etwa in solchen Großstädten wie Köln, gibt es eine zunehmend größere Nachfrage nach Wohngemeinschaften im Alter. Daher bin ich wirklich gespannt, inwieweit das Jahr 2020 zumindest in einigen Großstädten tatsächlich eine deutlich höhere Anzahl solcher Wohngemeinschaften aufweisen wird. Mit den Alt-68ern wird sich jedenfalls die Akzeptanz derartig offener Wohnformen in der Zukunft erhöhen, darunter auch 68er mit Demenz.

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

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