Im Dienste der komischen Kunst: Die andere Art von Intervention

Keine Erwartungen. Kein Programm. Für Pflegende, die sich um demenzerkrankte Menschen kümmern, eher untypisch. Es sei denn, sie wechseln die Perspektive und schlüpfen in eine andere Rolle, so wie Ulrich Fey: Er ist Clown und hat sich auf Menschen mit Demenz spezialisiert. “Mit der roten Nase habe ich eine Freiheit, die ich als Privatperson nie hätte”, erklärt er. Aber was zeichnet die Clownarbeit aus? Kann man sie gar als Intervention der anderen Art betrachten?

Jüngst wurde Detlef Rüsing für die Online-Ausgabe des Spiegel interviewt (Hier der Link dazu). Der Hintergrund bildete die Frage, inwieweit Clownarbeit im Umgang mit Menschen mit Demenz sinnvoll sein kann. Einen solchen Ansatz verfolgt Ulrich Fey, der sich als Clown Albert nennt, und sich auf Menschen mit Demenz spezialisiert hat. Aus diesem Anlass heraus geht es im folgenden kurzen Beitrag um die Frage, ob man Humor als Intervention betrachten kann. Erfahren Sie außerdem, welche Beziehung zur Kunst besteht, und wie sich diese in der Pflege auswirkt.

Im Dienste der komischen Kunst: Humor als Intervention

Interventionen dienen innerhalb der Kommunikation dazu, Spannungen zu lösen, ein Gespräch in neue Bahnen zu lenken und die Perspektive zu verändern. Für gewöhnlich verbinden wir mit dem Begriff der “Intervention” eine professionelle Gesprächssituation, in der ein Berater, ein Trainer, ein Coach oder ein Therapeut versucht, über eine bestimmte Interventionsstrategie (je nach Situation) eine bestehende Spannung zu lösen. Ein Vergleich zur Kunst ist an dieser Stelle aufschlussreich: Auch hier geht es darum, gewohnte Zusammenhänge und Routinen durch einen Eingriff aufzubrechen, um die Perspektive und Wahrnehmung zu verändern.

Schwierig wird es allerdings, wenn Personen, auf die sich eine Intervention bezieht, nicht mehr sprechen wollen und einfach stumm bleiben. Stellen Sie sich Mitarbeiter in einer Firma vor, die nicht mehr miteinander sprechen, einen Klienten in einer psychotherapeutischen Sitzung, der per se keine Fragen mehr beantworten will, oder eine Frau in einer Beziehung, die nach einem heftigen Streit über Wochen nicht mehr mit ihrem Partner redet. Absurd?

Eine Situation, die im Pflegekontext gar nicht so selten anzutreffen ist: Insbesondere bei Demenzerkrankten, wenn die Krankheit schon weiter fortgeschritten ist. Unter Umständen kann ein solcher Zustand über Monate anhalten (abgesehen von einem sehr fortgeschrittenen Stadium, in dem eine demenzerkrankte Person unter Umständen einfach nicht mehr sprechen kann). Humor als Intervention bedeutet in diesem Zusammenhang, eben jene Personen zum Sprechen zu bringen, die an sich verstummt sind. 

Wie Sie im Online-Beitrag des Spiegel zum Thema “Clownarbeit im Bereich der Altenpflege” erfahren können (Hier der Link dazu), kommt es tatsächlich zuweilen vor, dass Demenzerkrankte, die über Monate nicht mehr gesprochen haben, wieder anfangen zu reden. So geschehen im Falle von Clown Albert.

Eine ältere Dame – Frau Maron – sitzt im Rollstuhl, meist mit geschlossenen Augen. Sie hat seit Monaten nicht mehr gesprochen. Nun tritt der Clown in ihr Zimmer ein – eine sehr ungewöhnliche Situation in der Pflege. Ulrich Fey hat in seiner Rolle als Clown einen relativ großen Gestaltungspielraum: Er ist eben im Gegensatz zu den meisten Pflegenden nicht an Konventionen und Routinen gebunden. Nachdem Albert Frau Maron gefragt hat, ob sie ein Weihnachtslied hören wolle, nickt sie. “Oh Tannenbaum” ist daraufhin zu hören. Und als er sie schließlich fragt, ob sie noch weitere Weihnachtslieder hören wolle, antwortet sie “Ja, aber bitte nicht so laut”. Die Pflegerin ist ganz erstaunt. Die Intervention hat funktioniert.

Clownarbeit kann also durchaus als Intervention betrachtet werden. Allerdings ist es innerhalb dieses Rahmens besonders wichtig, auf bestimmte Erwartungshaltungen zu verzichten, wie auch Detlef Rüsing betont. “Ein Clown muss solchen Menschen ohne Erwartungshaltung begegnen. Da ist vor allem Empathie gefragt. Denn bei Personen mit Demenz im fortgeschrittenen Stadium sind Emotionen erhalten und stark ausgeprägt. Da kann ein Clown ansetzen – etwa mit nonverbaler Kommunikation.”

Detlef Rüsing ist Pflegewissenschaftler und leitet das Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) an der Universität Witten/Herdecke. Rüsing verfügt ebenso über langjährige praktische Erfahrungen in der Alten- und Krankenpflege: Er hat dort über 16 Jahre gearbeitet. Seine Schwerpunkt liegt auf Theorie-Praxis-Transfer. Daneben ist er Herausgeber von “pflegen: Demenz. Zeitschrift für die professionelle Pflege von Personen mit Demenz”. Kontakt: detlef.rüsing@uni-wh.de.

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