Klassiker neu gelesen: Entweihung und Scham

“Entweihung und Scham” von Katharina Gröning ist ein ungemütliches, radikales Buch, das zum Nachdenken anregt. Es ist nicht fröhlich und optimistisch. Thematisiert werden solche Gefühle wie Angst und Scham, die im gegenwärtigen Diskurs um Kundenorientierung und Markt eher ausgeblendet werden.

In ihrem Klassiker “Entweihung und Scham” beleuchtet die Supervisorin und Organisationsberaterin Katharina Gröning eine bemerkenswerte Doppelfigur, wenn es um den Umgang mit Gefühlen wie Angst und Scham in der professionellen Pflege geht, die sicherlich noch stärker ausgeprägt ist, wenn wir von älteren, zerbrechlichen Menschen sprechen, die von Demenz betroffen sind. “Gefühle in der Pflege”, so schreibt Gröning in der Einleitung zu ihrem empfehlenswerten Buch, “das heißt besonders Angst, aber auch Scham und entsprechende Reaktionen der Abwehr wie Aggression, Verzweiflung und Aphasie (Stummsein/Sprachverlust).”

Grenzsituationen für Pflegende

Das Zusammenwirken von Strukturen der Altenhilfe und der inneren Realität von Pflegenden wirft häufig einen gewissen Widerspruch auf. Die Institution verlangt von den Pflegenden beispielsweise eine gewisse Rationalität im Umgang mit “Klienten”, sie fordert Distanz und professionelle Freundlichkeit – auch wenn Gefühle von Verlust, Angst und Scham stark präsent sein mögen – wie das insbesondere in der Pflege von chronisch kranken, alten Menschen mit Demenz häufiger der Fall ist.

Theorien und Begriffe können unsere Beobachtungsgabe schärfen und uns von Vorurteilen befreien; auch können sie dazu dienen, verborgene Zusammenhänge an das Tageslicht zu befördern.

Vor allem Entweihungen werden, wie Gröning schreibt, eher wie ein Geheimnis behandelt und nur äußerst selten kommuniziert. Unter dem Begriff der “Entweihung” verstehen wir “Entwürdigung”, “Schändung” oder “Verletzung des Heiligen”. “Pflegende sprechen nur in sehr geschütztem Rahmen von ihren Gefühlen, die sie haben, wenn sie Kot zwischen Heizungsrippen hervorholen, aus Steckdosen kratzen oder ihn als `Praline´ geschenkt bekommen.” Da, wo nicht offen über jene Gefühle gesprochen wird, die mit Entweihungen zusammenhängen (außer vielleicht in der Supervision oder Fachberatung), kann ein institutionell geförderter “Gefühlspanzer” (Klaus Theweleit) entstehen, der solche Emotionen wie Angst und Verzweiflung tendenziös ausklammert. Man gibt sich professionell und sachlich, verwechselt aber womöglich die eigene Abwehrhaltung mit dem Habitus des Professionellen. In der Pflege kann dieser Habitus mit der Versachlichung von extremeren Erfahrungen einhergehen, in denen die Natur des alten, zerbrechlichen Menschen jenseits aller Versuche der Zivilisierung gewaltsam aufklafft. “Das Böse, das von den Körpern kommt, ist in den Institutionen eine bedeutende Angstquelle sowohl für Pflegerinnen und Pfleger, für die Umwelt, als auch für die Betroffenen selbst”, schreibt Gröning dazu. Also werden pflegebedürftige Menschen in ihrer äußeren Erscheinung zivilisiert, in dem sie beispielsweise geschminkt werden, eine Perücke aufgesetzt bekommen oder Zahnprothesen tragen, auch wenn ihr Organismus im Extrem vielleicht schon von Geschwüren und Metastasen übersät ist.

Die Frage, die Gröning in ihrem Buch aufwirft, lautet letztendlich so: Können Ängste, die mit Entweihung und Scham zusammenhängen, in der professionellen Pflege auch auf eine Weise verarbeitet werden, die nicht automatisch in Abwehr und Kompensation mündet? Denn in der Regel, so Gröning, geschieht institutionelle Bewältigung “über einen Kompromiss: auf der Sachebene wird geleistet, auf der Beziehungsebene wird vermieden”. Diese Doppelfigur wird in all ihren Implikationen noch begrifflich schärfer, wenn man sie vor dem Hintergrund verschiedener Theorien betrachtet, so wie das Gröning in ihrem Buch anhand von psychologischen und soziologischen Theorien durchdenkt. Theorien und Begriffe können unsere Beobachtungsgabe schärfen und uns von Vorurteilen befreien; auch können sie dazu dienen, verborgene Zusammenhänge an das Tageslicht zu befördern.

Der theoretische Hintergrund

Zunächst hat Katharina Gröning in der Pflege von Menschen mit Demenz das Gegenbild zu dem entdeckt, was der Psychoanalytiker Donald Winnicott (1965) als “holding”, als “Halten” beschrieben hat. Das von Winnicott geprägte Bild der haltenden Mutter gegenüber dem Kind fand insofern eine starke Resonanz in der Pflege von dementiell erkrankten Menschen, weil auch hier das Halten zum Maßstab erhoben worden ist, während das Loslassen eher ausgeklammert wurde. In der Praxis wird dieses Ideal aber insofern zu einem Problem, weil die lenkende Haltung der Pflegenden der Anarchie der Erkrankung oft entgegensteht. Die Doppelfigur, von der hier die ganze Zeit die Rede ist, bringt auf der theoretischen Ebene noch einmal verschiedene Widersprüche an das Tageslicht, die mit Abwehrhaltungen zusammenhängen. Im Bezug auf Winnicott sind das gewisse Ideale, die in der Pflegepraxis nicht haltbar sind. Wenn Personen mit Demenz beispielsweise plötzlich anfangen, laut zu rufen und zu schreien, kann nicht mehr von einer haltenden Lenkung die Rede sein; das ist eine Illusion.

“Für mich vollzieht sich der Prozess des Alterns immer mehr im Dreieck von Verlust, Angst und Schamerfahrungen.” Katharina Gröning

Daneben stieß Gröning auf Arbeiten von Hartmut Radebold, Johannes Kipps und Christel Schachtner. Dabei geht es unter anderem um negative Einstellungen, die unsere Vorstellung vom Altwerden begleiten – auf der Basis des Buches “Störfall Alter” von Christel Schachtner – bis hin zu der psychologischen Beschäftigung mit traumatischen Erfahrungen, wie sie von Hartmut Radebold anhand von Kriegserfahrungen untersucht worden sind. So wissen wir, dass traumatische Erfahrungen, wie sie mit Kriegserlebnissen verbunden sein können, häufig stark verdrängt werden und sich im Laufe eines Lebens an anderen Stellen im Sinne von Übertragungen und Gegenübertragungen bemerkbar machen können. Ein Beispiel: Ein alter Mann, der noch den zweiten Weltkrieg erlebt hat, macht an sich einen zufriedenen Eindruck, wirkt aber plötzlich depressiv und fängt an zu weinen, wenn bestimmte Jahreszahlen in einer therapeutischen Sitzung erwähnt werden.

Außerdem waren für den Erkenntnisprozess von Gröning gruppendynamische und soziologische Ansätze von Bedeutung. Letztere wurden bedeutsam, als sie in ihrem erkenntnisleitenden Interesse neben dem Phänomen der Angst in der Arbeit mit alten Menschen (Angst und Demenz) auf das Phänomen der Scham stieß. “Der Schameffekt und das Schamgefühl erscheinen mir heute – neben dem Angstphänomen und den durch Verlust hervorgerufenen Trauerphänomen – zu den bedeutsamsten Gefühlen sowohl des hohen Alters als auch der Pflege zu gehören. Für mich vollzieht sich der Prozess des Alterns immer mehr im Dreieck von Verlust, Angst und Schamerfahrungen.”

Außerordentlich spannend war für mich in der Lektüre von “Entweihung und Scham” der Einbezug der soziologischen Theorie von Norbert Elias über den Prozess der Zivilisation. Die Doppelfigur, die wir bezogen auf diese Theorie in der Pflegepraxis beobachten können, bezieht sich auf die Unterscheidung von “Natur” und “Kultur” bzw. “Natur” und “Zivilisierung”. Unter “Zivilisation” versteht Elias einen Prozess der spezifischen Veränderungen des menschlichen Verhaltens, der auf die Kontrolle und Regulation von Affekten und “unerwünschten” Verhaltensweisen abzielt. Dies können wir in der professionellen Pflege sehr anschaulich an sogenannten “herausfordernden Verhaltensweisen” wie Aggression oder Schreien und Rufen festmachen. Diese Verhaltensweisen gehören zur menschlichen Natur, werden in der Pflege aber zivilisiert, soweit das überhaupt möglich ist. In der Konfrontation mit sogenannten “herausfordernden Verhaltensweisen” von Menschen mit Demenz kann der dauerhafte Versuch von Zivilisierung und Kultivierung allerdings auch zu unglaublichen Anstrengungen und Verausgabungen führen, was die Psychohygiene der professionell Pflegenden anbelangt – Burnout inbegriffen.

“Die Spaltung zwischen der Familie als regressivem Ort, an dem der alte Mensch geborgen ist und den Institutionen als Orten des technischen Forschrittes, diese strukturkonservative Ideologie stellt Gefühle in der Pflege außerhalb des Systems und macht Pflegende auf diese Weise stumm.” Katharina Gröning

Fazit

Gröning hat ihr Buch gewiss nicht geschrieben, um Pflegenden ein schlechtes Gewissen im Umgang mit hilfebedürftigen Menschen einzureden, wenn es um die Vermeidung von Nähe geht, insbesondere bei solchen Emotionen, die einem mit der eigenen Sterblichkeit und Zerbrechlichkeit konfrontieren. Es geht auch nicht um die Sprengung von Tabus, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Es geht vielmehr um das Hinterfragen und die radikale Kritik am bestehenden Bild des Alters: Gefühle sind willkommen, wo sie mit Gesundheit, Leistung und Produktivität verbunden sind; Gefühle sind hingegen unerwünscht, wo sie das Bewusstsein für unsere eigene Natur schärfen: Neben Geburt und Leben eben auch Endlichkeit des Daseins, Krankheit und Tod. Das Buch von Gröning ist anstrengend und ungemütlich; ich habe es mehrfach zur Seite gelegt. Aber dann habe ich es bis zum Ende aufmerksam in Teilabschnitten gelesen. Neben zahlreichen Impulsen und theoretischen Reflexionen wartet das Buch zudem mit vielen wirklich überzeugenden Fallbeispielen auf.

Gröning wünscht sich letztendlich als Supervisorin und Organisationsberaterin eine andere Pflegepraxis, die mehr Nähe und Reflexion zulässt. Dementsprechend schreibt sie am Ende ihres Buches, dass sie sich für die Pflege unter anderem Fort- und Weiterbildungen wünscht, die sich den Affekten und Gefühlen der Pflegenden verstehend zuwenden und in denen auch kein Halt davor gemacht wird, einzelne bestehende Mythen radikaler zu hinterfragen und als Ideologien zu demaskieren.

Das Buch “Entweihung und Scham. Grenzsituationen in der Pflege alter Menschen” von Katharina Gröning wurde 2014 neu aufgelegt. Hier der Link zum Buch.

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

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