Kommentar: Wie kommen Inhalte von Studien in der Praxis an?

Wie kommen Ergebnisse von wissenschaftlichen Studien in der Gesundheitspraxis an? Für Deutschland kann eine Umfrage diese Frage erstmals für Hausärzte beantworten. Dabei wirft diese Umfrage auch ähnliche Fragen für die Pflege auf: Wie gelangen Pflegende zu ihrem Wissen? Wie halten sie sich beim Thema Demenz auf dem Laufenden?

Jüngst hat das wissenschaftliche Institut der AOK eine Umfrage zu folgender Frage durchgeführt: Wie kommen Inhalte wissenschaftlicher Studienergebnisse in der Praxis an? Welche Möglichkeiten nutzen Hausärzte, um sich zu informieren? Das Ergebnis: Fortbildungen stehen an erster Stelle. Die Mehrheit bewertet auch Qualitätszirkel und ärztliche Kollegen als (sehr) gute Informationsquellen, gefolgt von deutschsprachigen Fachpublikationen. Internationale Studien spielen dagegen nur eine untergeordnete Rolle.

Da wir uns beim Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) sehr häufig mit der Frage beschäftigen, wie das Wissen aus der Demenz- und Versorgungsforschung in der Praxis rezipiert wird, interessiert uns vor diesem Hintergrund selbstverständlich auch die Frage, welche Kulturen in der Weitergabe von Wissen jeweils dominieren.

Das führt dann zu zahlreichen interessanten Fragestellungen, etwa: “Existiert unter Ärzten eine andere Kultur in der Vermittlung und Weitergabe von Wissen als unter Pflegenden?”, “Wird die Auffrischung von Wissen und die Forderung nach lebenslangem Lernen in Gesundheitsberufen eher durch die äußeren Rahmenbedingungen bestimmt?” oder auch solche Fragen wie “Dominiert noch die mündliche Kultur in der Vermittlung von gesundheitsrelevanten Erkenntnissen, auch wenn immer häufiger von digitalen Plattformen und Datenbanken im Netz die Rede ist?”.

Unterschiede zwischen Ärzten und Pflegenden in der Fortbildung

Bei dem Thema Fortbildung gibt es tatsächlich gewisse Unterschiede zwischen Ärzten und Pflegenden. Ein wesentlicher Unterschied ist die Pflicht zur Fortbildung, wie sie bei Medizinern oder auch Psychotherapeuten gilt. Pflegende sind dagegen nicht dazu verpflichtet. Daher ist weder im Alten- noch im Krankenpflegegesetz eine Verpflichtung zur Fortbildung verankert. Trotzdem kann ein Arbeitgeber seine Mitarbeiter in einem gewissen Rahmen dazu verpflichten.

Im Netz habe ich beispielsweise in diesem Zusammenhang eine Meldung von 2012 entdeckt, als die Piratenpartei zum Teil noch als politischer Hoffnungsträger betrachtet worden ist. Bemerkenswert die Forderung dieser Partei damals, eine Fortbildungspflicht und Fortbildungsnachweis für Alten- und Krankenpflegekräfte einzuführen, mit dem Ziel, den modernen medizinischen und pflegerischen Anforderungen gerechter zu werden.

Das wirft in Zeiten, wo immer häufiger von lebenslangem Lernen geredet wird, die Frage auf, ob der Gesetzgeber eine Pflicht zur Fortbildung einführen sollte. Wird also eher gelernt, wenn der Rahmen es so vorsieht? Und wenn die Anreize dafür vorhanden sind, beispielsweise durch Punkte-Systeme, wie es bei Medizinern der Fall ist?

Meiner Meinung nach wirft uns das in gewisser Weise auf eine Denkweise zurück, die noch aus dem industriellen Zeitalter stammt. Wer einmal eine berufliche Ausbildung absolviert hat, muss sich nicht mehr fortbilden. Folglich bleibt der Wissensstand mehr oder weniger auf einer bestimmten Ebene stehen, es se denn, es besteht ein gewisser “Zwang”. Da mein beruflicher Schwerpunkt auf “digitalem Wissenstransfer” liegt, ist mir ein solcher Standpunkt zwar an sich wesensfremd, jedoch keineswegs unbekannt.

Es gibt einen gewissen Teil von Menschen, die sehr offen, neugierig und wissbegierig sind, ein Leben lang, solange das Gehirn mitspielt. Selbstverständlich ist das aber auch heute keineswegs. Wenn der Gesetzgeber also dazu verpflichtet, dass sich bestimmte Berufsgruppen im Gesundheitsbereich fortbilden müssen, funktioniert der Transfer von Wissen wohl auch besser, zumindest für manche Personen.

Ein anderer Gedanke hängt mir der Führungskultur in Organisationen zusammen. Wie weit wird beispielsweise einzelnen Pflegekräften zugestanden, sich weiter fortzubilden? Und wie weit wird das auch in finanzieller und zeitlicher Hinsicht unterstützt? Dürfen Pflegende auch für längere Zeit Fortbildungen absolvieren? Oder ist das nur Leitungskräften vorbehalten, so wie das früher war?

In manchen Bereichen wurde dieses Prinzip jedenfalls schon demokratisiert: “Weiterbildung ist nicht nur etwas für Chefs”; zugespitzt formuliert. Auch dazu gibt es ja eine Grundüberzeugung aus der Epoche der Industrialisierung: Denken sollte denjenigen Personen überlassen werden, welche die Fäden ziehen. Im Gesundheitssystem ist diese Grundüberzeugung jedenfalls noch häufiger anzutreffen, besonders in Deutschland, der Industriekultur par excellence.

Führt die Pflicht zur Fortbildung automatisch zu mehr Wissen?

Da die Pflicht zur Fortbildung bei Medizinern an sich gegeben ist, stehen Fortbildungen auch dementsprechend hoch im Kurs. Die Pflicht ist dabei sicherlich nicht der einzige Grund, aber mitbestimmend. Auch gibt es unter Medizinern Fortbildungspunkte für Qualitätszirkel.

Qualitätszirkel sind in den Qualitätssicherungs-Richtlinien der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) als anerkanntes Qualitätsinstrument beschrieben. Bundesweit bilden sich jährlich etwa 61.000 Ärzte und Psychotherapeuten in Qualitätszirkeln fort. Das Themenspektrum reicht von A wie Arzneimitteltherapie bis Z wie Zwangsstörungen. Die meisten Zirkel beschäftigen sich mit Erkrankungen und Fällen aus dem Praxisalltag. In der Regel gibt es bei derartigen Zirkeln eine Arbeitsgruppe von 5 bis 20 Teilnehmern, wobei diese Treffen von Kollegen mit einer speziellen Ausbildung zum Moderator geleitet werden. Für die Teilnahme an zertifizierten Qualitätszirkeln gibt es außerdem Fortbildungspunkte.

Englischsprachige, internationale Fachpublikationen, in denen neue wissenschaftliche Ergebnisse erscheinen, werden dagegen zwar von jedem zweiten befragten Hausarzt als positiv gewertet, aber nur rund 15 Prozent nutzen sie häufig. Das ist auch das eigentlich überraschende Ergebnis der Umfrage, die von der AOK durchgeführt worden ist. Wenn die Erkenntnisse aus internationalen Studien in der Praxis ankommen sollten, dann wäre es gut, wenn sie auch in deutscher Sprache möglichst kompakt und zeitsparend vorliegen würden.

Hier beim Dialogzentrum geben wir etwa einen Forschungsnewsletter raus, der englischsprachige Studien kompakt auf Deutsch zusammenfasst. Wir vermuten allerdings, dass wir damit eher Forscher und Mediziner erreichen und deutlich weniger Kranken- und Altenpflegekräfte aus der Praxis, die sich unter anderem um das Wohl und die Versorgung von Menschen mit Demenz kümmern.

2011 haben wir zu diesem speziellen Thema auch schon einmal eine Umfrage gemacht. Wer liest eigentlich unseren Forschungsnewsletter? Dabei wurde unsere Vermutung bestätigt. Viele Forscher und Mediziner sind dabei, Psychologen und Ergotherapeuten, aber nur wenige Alten- und Krankenpfleger. Dabei wäre danach zu fragen: Woher beziehen Pflegende in der Praxis ihr Wissen? Wie bilden sie sich fort, auch wenn sie nicht dazu verpflichtet sind? Und wie steht es um Vorgesetzte und die Organisationen, für die sie arbeiten? Haben Sie den Fortbildungsbedarf in der Pflege erkannt oder sparen sie eher Zeit und Geld?

Fazit: Wie Wissen die Qualität bereichert

Ich persönlich bin davon überzeugt: Professionell Pflegende sollten sich genauso wie Mediziner ein Leben lang fortbilden, auch ohne die Pflicht dazu. Nur sollte es auf der anderen Seite ebenso eine Kultur in der Arbeit existieren, die dieses Engagement befördert. Denn selbstverständlich ist das nach wie vor keineswegs. Dennoch gilt: Die Pflege und Versorgung von Menschen ist anspruchsvoll und es gibt laufend neue, zum Teil auch wirklich bemerkenswerte Studien, die zu einer Verbesserung der Qualität in der Pflege von Menschen mit Demenz beitragen können.

Das reicht von neurobiologischem Grundlagenwissen zu verschiedenen Demenzformen und deren Auswirkungen im Verhalten (etwa Frontotemporale Demenz) bis hin zu speziellen Versorgungsstudien aus der Gerontopsychiatrie, die sich beispielsweise mit der Frage beschäftigen, wie einzelne Stationen im Krankenhaus eingerichtet werden sollten, damit sich Menschen mit Demenz dort besser zurechtfinden (Stichwort “Orientierungssysteme”).

Am Schluss kann ich einzelne Fragen nur direkt an Sie weiterleiten, an die Leser dieses Kommentars: Wie bilden Sie sich fort? Interessieren Sie sich für Erkenntnisse aus der internationalen Forschung? Und lesen sie zuweilen auch wissenschaftliche Studien? Woher beziehen Sie Ihr Wissen in der Pflege und Versorgung von Menschen mit Demenz?

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

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