Alzheimer mit dem Spürsinn von Sherlock Holmes auf der Spur_Teil 3

Verlassene Straßen, Häuser, Brücken, Autos. Kein Mensch ist auf den ersten Blick zu sehen. Wir befinden uns in einer Geisterstadt. Die meisten Bewohner haben diesen Ort schon vor recht langer Zeit verlassen. Geblieben sind lediglich die Alten, ganz versteckt in der verödeten und recht trostlosen Landschaft. Aber sie sind zweifelsohne da, man muss sie nur länger suchen, und sie teilen sich mit diesem Ort das Geisterdasein.

Erst waren es die Frauen, vor allem die jungen, die spurlos verschwanden. Die Männer blieben dagegen noch wesentlich länger. Aber auch sie, zumindest die jüngeren unter ihnen, waren irgendwann genauso wie die jungen Frauen einfach weg. Was hätte sie hier auch an diesem trostlosen Ort ansonsten gehalten?

Lediglich die ganz alten Menschen blieben ja an diesem Ort. Die Mehrheit von den Alten hatte hier ja schließlich ein ganzes Leben verbracht. Und nun war es für die Alten verständlicherweise auch kaum vorstellbar, diesen Ort einfach so zu verlassen. Das kam für die meisten Alten überhaupt nicht in Frage. Das war einfach vollkommen undenkbar, den Tod inbegriffen.

Zu viele Erinnerungen und wichtige Lebensabschnitte, zu viele Gefühle und Emotionen waren schließlich im Spiel, hafteten quasi buchstäblich an diesem Geisterort. Also blieb man. Man blieb auch, als immer weniger Menschen an diesem Ort anzutreffen waren. Die letzten jungen Menschen wie vom Erdboden verschluckt.

Im Laufe der Zeit wurde man naturgemäß noch wesentlich älter. Der Frühling des Alters ging in den Herbst und schließlich in den Winter über. Und dementsprechend veränderte sich auch die körperliche und geistige Verfassung von Tag zu Tag. Dann kam jene sehr bedenkliche Zeit, an der diese Stadt zur Geisterstadt wurde, nur noch bevölkert von den paar steinalten Bewohnern, die einfach nicht weg wollten. Wie ein Baum im Nichts.

Die Steinalten: Einige von ihnen umherirrend. Manche gar schreiend. Und Frau B. mitten unter ihnen. Ebenso wie die meisten Menschen zu dieser Zeit vollkommen verwirrt.

In diesem Augenblick wachte Frau B. auf. Schweißgebadet. Es war glücklicherweise nur ein Traum gewesen. Allerdings ein sehr schrecklicher, sehr realer, sehr plastischer. So wie Frau B. schon lange nicht mehr geträumt hatte. Wohl schon seit vielen Jahren nicht mehr.

In den folgenden Tagen musste Frau B. immer wieder an diesen schrecklichen Traum zurückdenken. Und irgendwann traf sie plötzlich der Blitz: Es war nicht sie gewesen, die da in der Geisterstadt in ihrem Traum als Greisin umhergeirrt war, sondern ihre Schwester, die sie indirekt um Hilfe bat, die sich quasi ganz verlassen und alleingelassen vorkam und in diese Geisterstadt abgestiegen war. Und so wie der Traum eben nur ein Traum gewesen war, so unterlag auch der Geisteszustand der Schwester keineswegs jener Diagnose, die sich doch bis zu diesem Punkt als logisch plausibel und scheinbar kristallin herausgestellt hatte: Alzheimer.

Jener Alptraum aus dieser Nacht markierte also schließlich den Wendepunkt in der Krankheitsgeschichte von der Schwester von Frau B. Frau B. erzählte mir, dass sie erst nach diesem grausamen Traum auf die Idee gekommen sei, den bisherigen Spuren auf andersartige Weise zu folgen. Was wenn nicht Alzheimer?, so lautete ihre Frage. Sie hatte jetzt einen ganz anderen Verdacht. Die Symptome ihrer Schwester hatten eben nichts mit Alzheimer zu tun. Es musste sich folglich um eine Verwechslung gehandelt haben. Da war sich nun sicher.

Ich wollte jetzt ganz genau wissen, worin diese Verwechslung bestand. Auf der anderen Seite bestand mein Auftrag ja auch darin, noch genauer zu hinterfragen, wie es um die Diagnose Alzheimer im wissenschaftlichen Sinne bestellt ist. Aber mein Bericht mit den Fakten dazu sollte erst zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt erfolgen.

Vorher drehte sich die Geschichte um Frau B. und ihre Schwester um zwei Schicksale, die unmittelbar miteinander verflochten waren. Meine Skepsis hatte sich indes schon ein wenig aufgelöst. Ich verstand allmählich mehr. Ihre Geschichte löste ein Staunen bei mir aus. Aber auch ein Unbehagen. Und nun wollte ich natürlich endlich die Auflösung erfahren: Worin bestand also die Verwechslung? Was war mit der Schwester geschehen?

Nachdem alle Indizien zunächst dafür gesprochen hatten, dass die Schwester von Frau B. an der Alzheimerdemenz erkrankt sein musste, hatte Frau B. sich schon immer mehr die Frage gestellt, wie sie zukünftig die Schwester wohl pflegen sollte. Das Problem bestand ja nicht erst seit gestern. Ihre Schwester zeigte ja bereits seit vielen Jahren einige wesentliche Symptome, die mit Alzheimer häufig assoziiert werden: Eben starker Gedächtnisverlust und außerordentlich ausgeprägte Orientierungslosigkeit gekoppelt mit heftigen Stimmungsschwankungen.

In den letzten Jahren hatten sich diese Symptome bereits angekündigt und in der Folgezeit immer weiter ausgebildet, immer weiter verstärkt. Auch Frau B. war ja schließlich nicht mehr die Jüngste. Und andere Verwandte bzw. Angehörige, die sich um die Schwester hätten prinzipiell kümmern können, waren ja leider auch nicht vorhanden, außer vielleicht ein paar fernere Familienangehörige wie etwa der Onkel und seine Frau.

Also bestand nun die entscheidende Frage für Frau B. darin, wie lange sie noch geistig und körperlich dazu in der Lage wäre, für die Pflege ihrer Schwester tatsächlich Sorge zu tragen. Frau B. spielte vor diesem Hintergrund zunächst verschiedene Lösungsansätze durch, etwa die Zusammenarbeit mit einem mobilen Pflegedienst, oder die Anstellung einer externen Pflegekraft für ihre Schwester, denn immerhin haperte es bei Frau B. wenigstens nicht an finanziellen Sorgen. Frau B. hatte nämlich in ihrem bisherigen Leben recht gut verdient.

Und dann war da noch der Gedanke mit dem Pflegeheim vorhanden. Wenn alle Stricke reißen würden, so beruhigte sie sich am Ende ihrer Gedanken und Sorgen, kann ich immer noch nach einem halbwegs vernünftigen und zumutbaren Pflegeheim für meine liebe Schwester Ausschau halten. Aber das war für sie, wenn überhaupt, sicherlich nur die allerletzte Option.

Der Alptraum mit der Geisterstadt brachte sie dann aber auf eine folgenreiche Idee: Vielleicht, so dachte sie sich, bringe ich meine Schwester für einige Wochen in eine entlegene Rehaklinik mit einer landschaftlich ansprechenden Umgebung. Das lenkt sie ab, beruhigt sie vielleicht ein wenig. Auf der anderen Seite geht es aber auch selbstverständlich darum, möglichen Ursachen für ihren aktuellen Krankheitszustand noch einmal näher auf den Grund zu gehen. Neben Ärzten befinden sich ja an diesem Ort auch Psychologen und Physiotherapeuten, dachte Frau B.

Sie fragte sich bei diesem Gedanken auch, ob nicht die schwere Depression ihrer Schwester, die sie nach dem Tode ihres geliebten Mannes vor mehr als 15 Jahren erlitten und die sie nie so richtig verarbeitet hatte, nicht der eigentliche Grund für ihren derzeitigen Krankheitszustand sein könnte. Könnte es also nicht sein, dass die Diagnose Alzheimer bei ihrer Schwester von der Symptomatik aus betrachtet, nicht vielmehr für eine nicht verarbeitete schwere Depression nach dem Tode ihres Mannes spricht, die sich jetzt nach all den Jahren wieder zurückgemeldet hatte und die für das ganze Drama ihrer Schwester hauptverantwortlich ist?

Lesen Sie im abschließenden Teil vom Aufenthalt der Schwester in der Rehaklinik und der Diagnose der dort ansässigen Ärzte und Psychologen. Lesen Sie außerdem das abschließende Fazit dieser Krankheitsgeschichte.

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

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