Alzheimer mit dem Spürsinn von Sherlock Holmes auf der Spur_Teil 4

Im Grunde hat es eine merkwürdige Bewandtnis mit diesem Sicheinleben an fremden Orten, gerade für ältere kranke Menschen, die von ihrer vertrauten Umgebung entrissen werden. Aber im Falle der Schwester von Frau B. waren der Ortswechsel – der über einige Wochen anhaltende Aufenthalt in der Rehaklinik für Geratrie in Wolfenbüttel – mit einer glücklichen Fügung verbunden.

Bevor sich die Schwester aber zunächst auf mühevolle Weise an die neue Umgebung gewöhnte, hatte Frau B. die Rehaklinik für Geratrie in Wolfenbüttel bereits höchstpersönlich an einem Wochenende im Oktober aufgesucht, um insbesondere zwei der dort ansässigen Fachkräfte genauer über den bisherigen Krankheitsverlauf ihrer Schwester zu informieren: Namentlich Herrn Prof. Ulrich W. – Mediziner – und Herrn Bernd G. – seines Zeichen Psychotherapeut (Personen und Ort frei erfunden; Anm. der Redaktion).

Denn noch befand sich die “Alzheimer”-Erkrankung der Schwester von Frau B. ihrer Meinung nach in einem Stadium, in der Psychotherapie als zusätzliche Methode noch in Betracht gezogen werden konnte, was ja insbesondere in einem fortgeschrittenen Stadium der Demenz überhaupt nicht mehr möglich wäre. Denn Psychotherapie setzt ja gerade voraus, dass Klienten noch wenigstens halbwegs dazu in der Lage sind, ihren Krankheitszustand eigenständig zu reflektieren.

Fairerweise sollten wir an dieser Stelle außerdem ergänzen, dass es in den letzten Monaten ja viele Momente gegeben hatte, wo sich Frau B. nicht mehr wirklich sicher darüber sein konnte, ob ihre Schwester noch zu einer derartigen Reflexion in der Lage war.

Nach ihrem schrecklichen Alptraum gelangte Frau B. ja dann aber doch zu der Überzeugung, ihre bisherigen Ansichten zu dem Fall ihrer Schwester noch einmal grundlegend zu überdenken und die neue Sicht der Dinge zur Basis für den Aufenthalt ihrer Schwester in der Rehaklinik zu erheben. Würden wir an dieser Stelle dagegen die  Ergebnisse der zuvor durchgeführten neuropsychologischen Tests als alleinigen Maßstab zugrunde legen, so hätten wir wahrscheinlich einen Großteil jeglicher Hoffnung auf eine mögliche Genesung der Schwester begraben können.

Aber Frau B. war jetzt nach ihrem Alptraum sichtlich aufgerüttelt und voller guter Dinge bei aller Tragik. Sie beantwortete zunächst vor dem Aufenthalt ihrer Schwester in der Klinik routinemäßig sämtliche Fragen der Spezialisten vor Ort und nutzte zusätzlich das eine Wochenende im Oktober insbesondere dafür, den für ihre Schwester verantwortlichen Fachpersonen von der schweren Depression ihrer Schwester nach dem Tode ihres Mannes zu erzählen, welchen die Schwester ihrer Meinung nach bis heute nicht wirklich überwunden hätte.

Speziell Herr Bernd G. – der Psychotherapeut in Wolfenbüttel – klärte sie dann darüber auf, dass ihre Vermutung gar nicht so abwegig sei, da sich die Symptome einer Depression mit denen von Alzheimer zum Teil stark decken würden. Er hielt die Vermutung einer Fehldiagnose also nicht unbedingt für vollkommen ausgeschlossen, sagte aber gleichfalls, man müsste den ganzen Fall erst einmal genauer unter die Lupe nehmen und versuchen, eine therapeutische Beziehung zu ihrer Schwester aufzubauen, was in diesem zuvor genauer dargelegten Stadium ja alles andere als einfach wäre, so der Psychotherapeut am Ende des Gesprächs mit Frau B.

Dieses Gespräch markierte zugleich auch das Ende des Aufenthalts von Frau B. in der Klinik in Wolfenbüttel. Danach beschäftigte sie sich noch mit ein paar anderen Dingen, packte ihren Koffer, frühstückte und fuhr schließlich zurück zu ihrem Heimatort. Eine Woche später reiste sie dann im Anschluss mit der Schwester zurück nach Wolfenbüttel und verabschiedete sich dort von ihr, nachdem sie das Fachpersonal dort relativ herzlich empfangen hatte. Der Aufenthalt der Schwester in Wolfenbüttel war erst einmal auf vier Wochen angelegt. Aus vier Wochen wurden aber schließlich zwölf. Das hatte besondere Gründe, die es nun gilt, abschließend kurz auszuführen.

Die Untersuchung, erneute Diagnose und begleitende Therapie von der Schwester von Frau B. gestaltete sich nämlich in den ersten vier Wochen des Aufenthalts in der Rehaklinik für Geratrie in Wolfenbüttel als viel schwerer als zunächst angenommen. Dies hatte vor allem zwei Gründe. Tatsächlich begann Herr Prof. Ulrich W. – der Mediziner – schon sehr bald mit seinem Team damit, sowohl die Blutwerte als auch das Gehirn von der Schwester von Frau B. mittels einer Computertomografie durchzuchecken. Dabei sollte überraschenderweise herauskommen, dass alle Werte durchweg unauffällig waren, was irgendwie zu der Diagnose Alzheimer nicht so richtig passen wollte.

Nach diesem an sich recht erfreulichen Ergebnis dieser Untersuchungen vermutete der Professor, dass vor allem der Cocktail an verschiedenen  Medikamenten, welche die Schwester von Frau B. mittlerweile schon seit vielen Monaten einnahm, mitverantwortlich für die Eintrübung der Denkfähigkeit sowie für die zunehmende Desorientierung und psychische Verstimmung war.

Dies führte auf der anderen Seite auch dazu, dass Frau B. in den ersten vier Wochen als nicht therapiefähig eingestuft wurde. Da die Medikamente ihr so stark psychisch zugesetzt hatten, so dass sie zunächst nicht mehr recht zurechnungsfähig war, mussten diese erst einmal abgesetzt werden, bevor überhaupt an den Beginn und die Bereitschaft zu einer Psychotherapie gedacht werden konnte. Also entschieden sich der Arzt und sein Team für eine radikale Kur und setzten die Schwester von Frau B. dementsprechend auf Entzug von den Medikamenten. Erst einige Wochen später nach der schrittweisen Absetzung der Medikamente verbesserte sich auch der psychische Zustand der Schwester dahingehend, dass erst jetzt an die Aufnahme einer Psychotherapie ernsthaft gedacht werden konnte.

Nach mehr als sechs Wochen war die Denk- und Merkfähigkeit, aber auch der Orientierungssinn und die Wahrnehmung wieder auf einer halbwegs annehmbaren Stufe angekommen, was den Gesundheitszustand der Schwester anbelangte. Von der Diagnose Alzheimer blieb indes glücklicherweise nicht mehr viel übrig. Die Schwester von Frau B. befand sich jetzt also endlich in einer Verfassung, in der mit einer Psychotherapie begonnen werden konnte, um weitere Ursachenforschung zu betreiben. Und vor allem zeigte die Schwester auch die persönliche Bereitschaft dazu, was mindestens genauso wichtig bei einer solchen Therapie ist. Die Psychotherapie wurde bis zu der Entlassung der Schwester nach 12 Wochen aus der Klinik und auch darüber hinaus weiter fortgesetzt.

Herr Bernd G. – der Psychotherapeut – konnten in dieser Zeit in vielen unterschiedlichen psychotherapeutischen Sitzungen mit der Schwester von Frau B. schließlich auch die Vermutung bestätigen, dass die Schwester eine frühere schwere Depression nach dem Tode ihres Mannes anscheinend noch nicht richtig verarbeitet hätte. Die psychischen Probleme, die infolgedessen verstärkt auf den Tagesplan traten, aber auch die Fehldiagnose und falsche Therapie mit Medikamenten hatten dann noch obendrein die Probleme der Schwester im psychischen Sinne verstärkt.

Entscheidend ist bei der Unterscheidung zwischen Alzheimer und einer schwerwiegenderen Depression im Alter, dass sich beide Krankheiten relativ stark ähneln. Daher kann es zu einer folgenreichen Verwechslung bzw. falschen Diagnose kommen: Denn beide Störungen hängen nämlich u. a. mit Konzentrationsschwäche und verlangsamten Denken, ausgeprägten Gedächtnislücken sowie häufig auch mit quälender Unruhe zusammen.

Die Fehldiagnose konnte am Ende im Falle von der Schwester von Frau B. als solche noch früh genug festgestellt werden, um weitere mögliche dramatische Folgeschäden abzuwenden. Mittlerweile, so erzählte mir Frau B. in meiner Praxis, hätte sich der Gesundheitszustand ihrer Schwester wieder halbwegs stabilisiert. Was ich ihr jetzt indes noch schuldig war, waren die abschließenden Ergebnisse meiner Recherche zur Diagnose Alzheimer. Einige Ergebnisse dieser Recherche kannte sie ja bereits, so dass ich mich bei unserem letzten gemeinsamen Treffen auf einige wesentliche Punkte beschränkte.

Das Resumé der Recherche

Bei meiner Recherche zur Diagnose Alzheimer konnte ich vor allem herausfinden, dass  Gedächtnis- und Orientierungsstörungen – selbst wenn sie länger anhalten – nicht unbedingt Anzeichen für Alzheimer sein müssen. Tatsächlich werden von der Medizin und Wissenschaft heute rund 50 Erkrankungen aufgeführt, die demenzähnliche Symptome aufweisen.

Ein Beispiel dafür ist der sogenannte Altershirndruck. Dieser Druck kommt durch zu viel Gehirnflüssigkeit zustande. Wenn dieser Druck zu lange besteht und das überschüssige Nervenwasser nicht vorzeitig abgeleitet wird, kommt es zu solchen Symptomen wie Gedächtnisstörungen. Häufig stecken hinter der vermeintlichen Demenz demnach auch ganz andere Symptome, wie sie ja ebenso bei der Krankheitsgeschichte der Schwester von Frau B. als Folge einer schweren Depression in Erscheinung getreten sind. Weitere mögliche Ursachen können falsche Medikamente sein, Mangelernährung und Einsamkeit, oder auch Schilddrüsenstörungen, Infektionen oder Durchblutungsstörungen des Gehirns.

Es ist Personen, die möglicherweise an einer Demenz wie Alzheimer erkrankt sind, vor diesem Hintergrund nur dringend zu empfehlen, sich gründlich untersuchen zu lassen. Und zu dieser Untersuchung gehört dementsprechend auch, der wahren Ursache für die Symptome auf den Grund zu gehen: Spurensuche.

Die Geschichte von der Schwester von Frau B. hat uns  hoffentlich verdeutlicht, wie schwerwiegend die Folgen sein können, die mit einer Fehldiagnose verbunden sind, und wie wichtig es ist, nicht frühzeitig aufzugeben und weiter zu kämpfen.

Marcus Klug arbeitet aktuell als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager am Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) und betreut dort das Projekt Wissenstransfer 2.0. Das Projekt wurde bereits mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2013 ausgezeichnet. Sein Schwerpunkt liegt auf Wissenskommunikation im Social Web. Daneben betreibt er als hauptverantwortlicher Redakteur seit Mai 2012 zusammen mit Michael Lindner Digitalistbesser.org: Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen. Kontakt: marcus.klug@uni-wh.de.

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